Verfasst von: dora | November 11, 2012

Entscheidung.

Es gibt mehr als genug neue Themen. Warum schreibe ich also nicht mehr?

Ich bitte den geneigten Leser um einen Kommentar beliebiger Länge, ob noch Interesse an neuen Artikeln besteht. Bei entsprechend niedriger Resonanz, wird dieses nette Experiment beendet und der Inhalt verschwindet.

Vielen Dank dafür. 

Schon seit 1981 werden in dafür gebauten unterirdischen Lagern unter dem inzwischen stillgelegten Atomkraftwerk Brunsbüttel über eintausend Fässer mit angeblich schwach- bis mittelradioaktivem Abfall gelagert. Diese Lager bestehen an allen Seiten aus meterdickem Beton, sind aber nicht für eine Lagerung von vielen Jahrzehnten ausgelegt. Daher werden die Fässer schon seit 2004 aus den Kellerräumen herausgeholt und der Inhalt in neue gusseiserne Behälter gebracht, in denen der radioaktive Müll in ein potentielles Endlager gebracht werden kann.

Technische Störung

Am 15. Dezember letzten Jahres ist nun bei diesen Umfüllarbeiten etwas außergewöhnliches passiert. Die genaue Rekonstruktion ist selbst für den Betreiber Vattenfall nur schwer möglich. Pro Fass waren bisher rund drei Stunden für die Umlagerung in die neuen Behälter notwendig. An diesem Tag war nun in den einsehbaren Dokumenten von Umfülldauern bis zu acht Stunden die Rede. Der Grund ist, dass bei den Arbeiten ein Fass gefunden wurde, welches zu großen Teilen nur noch aus einer dünnen Rostschicht bestand und durch den Absaugvorgang komplett zerstört wurde.

Das ist der erste Skandal. Es gibt unter mindestens einem deutschen Meiler gigantische Keller mit über 200.000 Litern radioaktivem Material das seit vielen Jahren kein Mensch mehr betreten hat. Des Weiteren stimmt die Zahl der Fässer in den Betreiberdokumenten nicht mit der Zahl der vorhandenen Fässer überein. Nicht mal Vattenfall scheint also genau zu wissen, welche Stoffe dort überhaupt lagern.

Verzögerungen im Betriebsablauf

Wie der Zufall es will, haben genau zwei Tage später die Weihnachtsferien begonnen und da schließlich auch Kernkraftwerksbetreiber einmal Urlaub brauchen haben sich die zuständigen Menschen bei Vattenfall erst am 09. Januar des neuen Jahres weiter mit dem Fall beschäftigt. Am 10. Januar, war der TÜV Nord in Brunsbüttel zu Besuch und wurde auf die Unregelmäßigkeiten bei den Umfüllarbeiten über die ungewöhnlichen Zahlen in den Dokumenten aufmerksam. Zusammen mit den Fotos der verrosteten Fässer wurde nun die Atomaufsichtsbehörde des Landes Schleswig Holstein informiert, die ebenso wie der TÜV sofort aktiv wurde und die Öffentlichkeit informierte. Es sei „im Rahmen regelmäßiger Kontrollen bei einem bereits entleerten Fass sehr starke Korrosion und eine Zerstörung des Fassmantels festgestellt“ worden, heißt es da. Und weiter: „Nach sorgfältiger Auswertung aller bisher vorliegenden Informationen haben wir festgestellt, dass weitere Fässer zum Teil erhebliche Korrosionserscheinungen aufweisen.“

Korrosion entsteht nicht von heute auf morgen. Noch weniger in einem Raum, der als Zwischenlager für radioaktiven Abfall dienen soll. Was der TÜV nun unter regelmäßigen Kontrollen versteht ist fraglich. Anscheinend hat den Raum seit der Befüllung nie ein Mensch mehr betreten. Es weiß also keiner, was sich in den Räumen befindet und es befand auch keiner nötig, sich darüber zu informieren. Über den Zustand ganz zu schweigen.

Personenschaden

Die Atomaufsicht in Kiel wird am 08. März über eine dpa-Meldung mit einem Messwert zitiert. Man habe zwischen den Fässern eine Ortsdosisleistung von 500 mSv/h gemessen. Das sei laut dpa „das 25-Fache der gesetzlich zugelassenen Dosis für Mitarbeiter in Kernkraftwerken.“. Diese Jahresdosis beträgt 20 mSv pro Jahr. Klingt auf den ersten Blick richtig. 20 mal 25 ist 500. Aber eines hat der Journalist bei der dpa nicht bemerkt. Die Einheit war nicht Millisievert pro Jahr, sondern Millisievert pro Stunde. Die Ortsdosisleistung ist also nicht um das 25-fache über der Jahresdosis eines Kernkraftwerkmitarbeiters. 25 mal 8766 Stunden pro Jahr lässt uns schnell auf eine Zahl von über 219145 kommen. Die Strahlenbelastung vor Ort ist also weit über zweihunderttausendfach über dem beschriebenem Grenzwert. Nun durfte in diesen Keller sowieso kein Mensch hinein. Grenzwerte für Arbeiter machen also nicht viel Sinn für einen seriösen Vergleich. Das Ökoinstitut spricht nun bei ähnlichen Lagern für schwach- und mittelradioaktiven Müll von 10-20 mSv pro Stunde. Auch schon erheblich mehr als zulässige Grenzwerte für Menschen, aber genau dafür hat man ja Zwischenlager. Ein weiterer Vergleich: An der vom Meer abgewandten Seite des Reaktorgebäudes von Block 3 des Kraftwerks Fukushima Daiichi ist vier Tage nach dem Unfall letztes Jahr ein Wert von 400 mSv/h gemessen worden. Das heißt dass in einem Keller nahe Brunsbüttel nicht nur das 50-fache der dafür normalen Strahlungsdosis gemessen wird, sondern sogar Messwerte in der unmittelbaren Umgebung eines zuvor explodierten Atomkraftwerks übertrumpft werden.

Diese Werte in den Höhlen von Brunsbüttel sind nun nur noch durch zwei Möglichkeiten zu erklären. Entweder es gab einen Fehler bei der Messung oder der Kommunikation des Messwerts, oder die Preußen Energie AG, vormaliger Betreiber des KKB hat diverse Materialien in diesen Räumen eingelagert, die definitiv nicht unter die übliche Definition von „schwach- bis mittelradioaktiv“  fallen. Zusätzlich sei erwähnt, dass natürlich somit auch Vattenfall als wirtschaftlicher Nachfolger der Preußen Energie AG erstens keine Ahnung hatte, was da in Ihren eigenen Kellern schlummert und zweitens gar keine oder zumindest falsche Vorkehrungen getroffen hat um eine Kontamination außerhalb der Fässer zu vermeiden. Schon ein sehr interessantes Verhalten für den Betreiber einer so heiklen Technik, die nur auf dem Papier beherrschbar und nur in der Werbung sauber und unproblematisch ist.

Achja, noch der Vollständigkeit halber: Inzwischen wurde offensichtlich versucht, Kameras in den Aufbewahrungsräumen zu installieren, die dokumentieren können, was am Grund der Keller vor sich geht und wie der Zustand weiterer noch nicht geborgener Fässer ist. Dies sei nicht möglich, weil die Kameras nach wenigen Minuten aufgrund der hohen Strahlung nicht mehr funktionsfähig sind.

Quellen und Presseschau:
http://www.schleswig-holstein.de/MJGI/DE/Service/Presse/PI/2012/Reaktorsicherheit/120307mjgiAKWBrunsbuettelUmlagerungen.html
http://www.taz.de/Schlamperei-im-AKW/!89193/
http://www.greenpeace.de/themen/atomkraft/nachrichten/artikel/verrostete_atommuellfaesser_im_akw_brunsbuettel/
http://www.vattenfall.de/de/pressemitteilungen-detailseite.htm?newsid=85C7DECE118B4C52B9F9BA62542A77B4
Verfasst von: dora | Juni 11, 2011

Kacke zu Gold

Es gibt ihn wieder: Den Atomausstieg. Das Erdbeben in Japan mit seiner folgenden atomaren Katastrophe zwang die deutsche Politik zum radikalen Umdenken. Ganz unabhängig davon wie schnell dieser Ausstieg vollzogen werden kann, muss man diesen Schritt als weltweit einzigartig und als große Errungenschaft der Antiatombewegung sehen. Aber trotz allem bedeutet diese Entscheidung nicht das sofortige Aus für alle deutschen Atomkraftwerke, sondern billigt ihnen eine gewisse Restlaufzeit zu. In dieser Zeit verbrauchen die noch laufenden Atomkraftwerke hunderte Tonnen Uran und verkaufen den produzierten Strom als billig und sauber. Beides ist falsch.
Uran ist ein sehr seltenes aber dafür stark radioaktiv strahlendes Element, was es essentiell für Atomkraftwerke macht. Jede Tonne Gestein auf der Erde enthält durchschnittlich 3 Gramm verwertbares Uran. Für jede Tonne Uran, dass in einem Kernkraftwerk in Form der Brennstäbe verwendet wird, mussten also über 300.000 Tonnen Gestein bewegt werden.
Wer nicht gerade in einem Gebiet lebt, in dem Uranerz abgebaut wird, weiß so gut wie gar nichts über dieses milliardenschwere Geschäft, dass selbst in Deutschland vor wenigen Jahren noch existierte. Wie überall im Uranbergbau wurden dutzende Millionen Tonnen Gestein aus der Erde oder im Tagebau gefördert um einige wenige Tonnen des wertvollen Uranoxids zu gewinnen. Nachdem das Gestein nach Strahlungsintensität sortiert wurde und das mit der höchsten Aktivität weiter in die Mühlen darf die das Erz zerkleinern, wird das enthaltene Uran weiterverarbeitet. Das Endprodukt einer Uranverarbeitungsanlage ist in der Regel der sogenannte „Yellow Cake„. Stark konzentriertes Uran. Bereit zu Brennstäben verarbeitet zu werden und hochgefährlich für die Umwelt. Was allerdings dabei untergeht, sind die hunderttausenden Tonnen Gestein, auf denen die Minen sitzenbleiben. Einerseits hat man Tonnenweise aussortiertes aber trotzdem hochradioaktives Material, andererseits sind auch einige andere radioaktive Elemente mit in der geförderten Masse, die für die Minenbetreiber auch nicht interessant sind . Sowohl bei der Förderung, als auch bei der Weiterverarbeitung entstehen im Uranbergbau Abfälle, die meist mit Wasser verdünnt in dafür eigens angelegte Becken geleitet werden. Diese Abfälle nennt man „Tailings„. In den meisten Förderländern hat der Betreiber einer Mine rund 10.000 Jahre Sorge für diese Becken zu tragen und muss die Renaturisierung des Gebiets einleiten. Wer schon mal einen Tagebau aus der Nähe gesehen hat, wird über beide Zahlen lachen. Andere nur über die erste. Da Politiker und andere Verantwortliche in der Regel nach 10 Jahren keine Verantwortung mehr tragen, nach 20 Jahren nicht mehr in der Öffentlichkeit stehen und nach 50 Jahren vermutlich nicht mal mehr leben, können sie alles über die Sicherheit des Mülls sagen; über den Zeitraum von 10.000 Jahren hat keiner der Beteiligten auch nur ansatzweise Kontrolle.

Vor etwas mehr als zwei Jahrzehnten förderte die WISMUT als drittgrößter Produzent weltweit Uran in Sachsen und Thüringen für die Sowjetunion. Die Folgen müssen die Bundesländer und auch die WISMUT bis heute tragen. Die Renaturierung großer Gebiete ist bereits in vollem Gange. Die ehemaligen Tailing-Becken jedoch sind bis heute eine Gefahr für die Umwelt. Die Gegend ist von den Millionen Litern stark radioaktivem Schlamm durchzogen und eigentlich weiß keiner so recht ob und wann davon etwas ins Grundwasser gelangen kann. Vermutlich ist dies auch schon geschehen.


(Beim Uranabbau künstlich entstandene Hügel in Thüringen, Quelle)

Die Rückbaukosten sowie der Aufwand für die Sicherung alter Anlagen ist Sache der Betreiber und nach deren Insolvenz fast immer Sache der Länder. Atomstrom ist nur deshalb so billig, weil Atomkraftwerksbetreiber mit dem Rohstoffpreis nur die Förderung von Uran bezahlen. Die Millionen Liter radioaktives Wasser, die riesigen Berge an Schutt, das Rückführen des Materials in die Minen und der sichere Verschluss über hunderte Generationen ist hier nicht mit eingerechnet. Jeder Tag, den ein heute laufendes Atomkraftwerk in Deutschland in Betrieb ist, spielt es in etwa eine Million Euro an reinem Gewinn ein. In den etwa 10 Jahren Restlaufzeit, die die restlichen deutschen Atomkraftwerke in etwa noch laufen werden, fallen dagegen über 10 Millionen Tonnen Tailings in den Uranminen der Welt an, um die sich noch zehntausende Jahre lang gekümmert werden muss.Uranabbau birgt nicht nur Risiken wie ein Atomkraftwerk, sondern stellt eine ernstzunehmende Gefahr für die Umwelt dar. Tailingbecken sehen für Tiere aus wie normale Seen. Jeder Vogel, der in einem solchen Becken auch nur landet, stirbt sehr bald an einer Überdosis an Radioaktivität. Tailingbecken sind unabhängig von Aussagen der Betreiber grundsätzlich undicht und verseuchen die Umgebung durch Grundwasser und unutzbare Landschaft auf Jahrtausende.
Von billig und sauber kann daher keine Rede sein.


(Rand eines Tailingbeckens, Flickr)

Und trotzdem: Deutschland ist das erste Industrieland, dass den Atomausstieg wagt. Weil wir jahrelang ohne viel Hintergrundwissen und die Gefahr verdrängend die Atomenergie ausgebaut haben, können wir wie alle Atomstromabhängigen Länder nicht von heute auf morgen alle Kraftwerke abschalten. Der Ausstieg aus der Kernenergie wäre vermutlich früher möglich, aber dennoch ist auch ein später Ausstieg wegweisend für die ganze Welt und sollte durchgezogen werden. Hier zum Beispiel ein Zitat aus einem bekannten  amerikanischen Blog:

Other nations, including Japan, Italy, and Switzerland, have announced plans to pare back nuclear power, but none have gone as far as Germany, the world’s fourth-largest economy. Merkel vows to replace nuclear power with alternatives that do not increase greenhouse gases or shackle the economic growth. Could the US do the same? An increasing number of reports suggest it is not beyond the realm of possibility, and Germany could provide a road map.

(Quelle)

Allein aufgrund dieser Vorbildfunktion muss Deutschland diesen Kurs behalten und veruschen den Ausstieg noch weiter zu verkürzen. Da auch Uran nur eine endliche Ressource ist, bleibt uns langfristig auch nichts anderes übrig, als andere Energieformen zu finden und zu nutzen. Warum sollte man nicht jetzt schon damit anfangen?

Empfehlenswerte Medien für weiterführende Informationen:
"Yellow Cake" (Film über Uranbergbau in der ganzen Welt und insbesondere Deutschland)
"Uranium - Is it a country?" (frei verfügbarer Film über Uranabbau in Australien)
"Auf Augenhöhe" (Kurzdokumentation zum leichten Einstieg in das Thema)
Verfasst von: dora | März 13, 2011

Plastik, Plastik über alles.

Wir Menschen sind die einzigen Lebewesen der Erde, die Müll hinterlassen. Wir produzieren täglich tonnenweise verschiedenste Materialien, die verhältnismäßig kurz in Benutzung sind und ab dann auf Mülldeponien landen oder ganze Nahrungsketten infiltrieren. Wieso eigentlich?

Weltweit gab es 2009 geschätzte 2,6 Milliarden Mobiltelefone in Benutzung. 2010 sind es laut einer weiteren Schätzung schon 5 Milliarden. Allein in Deutschland werden pro Jahr etwa 40 Millionen Handys gekauft. Jedes Jahr aufs Neue. Diese Zahlen sind so unglaublich, dass man eigentlich gar nicht begreifen kann, was dahintersteckt. In regelmäßigen Abständen ist bei vielen Menschen das alte Handy nicht mehr in der Lage, die aktuellen Bedürfnisse zu befriedigen – ebenso bei Laptops, MP3-Playern und allen anderen technischen Geräten, die einen Platz in unserer wunderbaren Multimediawelt gefunden haben.

Wie kaum einer weiß – wenn auch oft vermutet – ist fast allen elektronischen Geräten eine gewisse Lebensdauer beschieden, die nicht zufällig ist. Akkus werden trotz der Verfügbarkeit hoch entwickelter Technologien nur so mittelmäßig produziert, dass sie ein bis zwei Jahre gut halten und danach immer schwächer oder sogar funktionsuntüchtig werden. Von iPods über Glühbirnen bishin sogar zu einer Nylonstrumpfhose gibt es dutzende Produkte, bei denen sogenannte geplante Obsoleszenz (Wikipedia) eintritt. Also eine beabsichtigte künstliche Alterung von Produkten, für die langlebige Alternativen existieren würden. Dies geschieht natürlich nicht aus reiner Boshaftigkeit, sondern stellt eine eigentlich sehr kluge Produktstrategie dar. Wenn alle Menschen Produkte besitzen, die sehr lange halten, tritt auch schnell Sättigung am Markt ein und man kann nicht weiter produzieren. Je kürzer die Produkte in den Haushalten bleiben, desto schneller wird wieder neues gekauft. Das (zusammen mit immer tolleren neuen Produkten) ist eine wunderbar funktionierende Strategie für dauerhaftes Wachstum und stetigen Konsum. Leider wurde dieser Produktionsweise in Form von Verbraucherschutzgesetzen ein Riegel vorgeschoben aber netterweise lassen sich Produkte durch geschickt erstellte Teile in der Größenordnung der Garantiezeit am Leben erhalten, versagen aber schon relativ bald danach ihren Dienst. Reparaturen sind meist (und ebenso gewollt) deutlich teurer als ein neues Produkt.

Aber was geschieht dann eigentlich mit den zigtausenden weggeworfenen Produkten? Wird alles wiederverwendet? Leider nein. Bei Kunststoffen ist die Situation bekanntermaßen besonders akut. Knapp 85% allen verwendeten Kunststoffes landet auf Deponien im eigenen Land oder in Teilen der Welt, die uns als Industriestaaten nicht interessieren. Bei Elektroschrott ist die Situation besonders krass. Ausgediente Produkte aus aller Welt werden in Drittweltländer geschifft (gekennzeichnet als Entwicklungshilfe), wohl in dem Wissen, dass meist achtzig bis neunzig Prozent der verschickten Ware unwiederbringlich kaputt ist, und zur dortigen Entwicklung freilich keinen Beitrag hat.
Es gibt Slums in dutzenden Großstädten Afrikas, auf denen Menschen Tag für Tag hunderte Container an Plastikmüll nach verwertbaren oder wertvollen Gegenständen durchforsten. Die Plastikberge türmen sich täglich höher; verschmutzen Flüsse, Wiesen und zerstören Lebensraum für Mensch und Tier. Auf diesen industriell produzierten Abfallbergen verbrennen jeden Tag jugendliche Arbeiter Elektroschrott und Kabelreste um an die wertvollen Metalle im Inneren zu gelangen. Dies wird dann beim örtlichen Schrotthändler in wenig Geld umgewandelt und so kann man sich einen Lebensunterhalt finanzieren. Das verbrannte Plastik dabei gelangt mühelos in Luft und Lungen der Umgebung. Entwicklungshilfe der feinsten Art eben.

Skurrilerweise schließt sich mit den in Afrika entsorgten Handys ein Kreislauf, der nicht weniger brutal begonnen hat. In Zentralafrika sind die weltweit mit am größten Vorkommen von Seltenerden, die für die Produktion technischer Highendgeräte heute unabdingbar sind. In unfassbar instabilen mit geringstem Aufwand gegrabenen Stollen bohren sich Zehntausende der ärmsten Menschen in zentralafrikanischen Krisengebieten in die Berge und fördern neben viel Gestein die Rohstoffe zu Tage, die unter der Tastatur liegen, auf der ich gerade schreibe. Wegen der Enge in den meisten Gräben (das Argument gab es schon vor hunderten Jahren in Europa) arbeiten dort meist Kinder und Jugendliche. Abgesehen davon kann auch keiner nach fünf- bis zehnjähriger Arbeit in einer solchen Mine mehr irgendetwas normales Arbeiten.
Besonders schlimm machen diese Tatsachen aber noch etwas weiteres: Um den Großteil dieser Minen haben sich Söldnertruppen und Warlords postiert. Sie errichten unüberwindbare Barrieren mit nur einem Durchgang und einfachen Regeln: Jeder der reingeht und jeder der rausgeht muss zahlen. Das Geld dafür kommt natürlich vom privaten Verdienst der Minenarbeiter. Und dieses wiederum ist vom Kauf jedes einzelnen technischen Gerätes auf der ganzen Welt mitfinanziert.  Da es im Interesse der Warlords liegt, Konflikte so lange wie möglich ungelöst aufrecht zu erhalten und das am besten mit viel Geld und Waffen funktioniert, liegt es zu einem großen Anteil an den Firmen hier in der ersten Welt und letztlich an jedem einzelnen Verbraucher, Konflikte in Zentralafrika zu ersticken.

Aber damit ist die lange Reihe des Grauens, das hinter jedem Handy der Welt steckt noch nicht beendet. Die Verarbeitung der Rohstoffe zu einem glänzenden Endprodukt ist ein ebenso harter und wenig beachteter Weg. Viele Menschen gehen davon aus, dass bei der Produktion von Mobiltelefonen alles vollautomatisch geschieht. Neuartige Roboterarme mit Saugnäpfen verkleben Displays mit Torsos und verschrauben die Tastatur mit dem Rest. Nur leider entspricht das absolut gar nicht der Realität. Alles ist Handarbeit.
Der größte Fertiger von elektronischen Geräten aller Art weltweit ist Foxconn. Bei diesem Unternehmen arbeiten fast ausschließlich in China sage und schreibe eine Million Menschen an endlosen Fließbändern und bauen die Geräte zusammen, die im Rest der Welt zu Statussymbolen werden. Die Arbeiter, die zu Hauf vom sehr armen Land kommen, verdienen in diesen Werken einen Lohn, mit dem sie Ihre Familien gut ernähren können. Für westliche Verhältnisse allerdings ein Spottpreis. Noch dazu werden die Werke von Foxconn und weiteren Unternehmen sehr knapp kalkuliert und müssen hohe Absatzerwartungen erfüllen. Häufige Überstunden sind an der Tagesordnung. Nach dem sich die Selbstmordrate letztes Jahr unter Foxconnarbeitern massiv erhöht hat, und diese sich auch noch oft auf dem Firmengelände das Leben nahmen, wurden an jedem Gebäude Netze installiert, die einem vom Springen abhalten sollen. Die Selbstmordrate ist in Folge dessen tatsächlich zurück gegangen. Die Arbeitsbedingungen sind jedoch immernoch die gleichen. Ohne Kontakt zur Heimat eingepfercht in Arbeiterheimen mit teilweise bis zu 8 weiteren Menschen in einem Zimmer leben solche Arbeiter irgendwie nur zu einem Zweck: Für möglichst wenig Geld in kürzester Zeit den Hunger der Welt nach neuem technischem Spielzeug zu stillen. Welche Verantwortung tragen wir eigentlich als Besitzer eines Handys dafür? Joel Johnson von Wired kommt zu folgendem Fazit nach einem äußerst informativen Artikel:

When 17 people take their lives, I ask myself, did I in my desire hurt them? Even just a little?

And of course the answer, inevitable and immeasurable as the fluttering silence of our sun, is yes.

Just a little.

Hier wäre nun eigentlich der ideale Zeitpunkt mit einem moralischen und nachdenklich stimmenden Zitat den Artikel zu beenden. Aber das geht noch nicht. Ein bisher nicht beachteter Gesichtspunkt der behandelten Produkte muss auch noch näher beleuchtet werden: Der Stoff, aus dem alle unsere Geräte zum allergrößten Teil bestehen. Plastik.

Plastik ist so allgegenwärtig und so ein genial praktischer Stoff, so dass er aus unserer Welt heute nicht mehr wegzudenken ist. Da er aber wie oben schon erwähnt zu mehr als vier Fünfteln nicht wieder verwertet wird und wie ebenfalls schon erwähnt schnell ersetzt wird, stauen sich unglaubliche Mengen an Abfall an. Dieser Abfall zerstört die Biosphäre aller Weltmeere, häuft sich zu riesigen jahrhundertelang nicht nutzbaren Bergen auf der ganzen Welt an und wird trotzdem stetig weiter produziert. Im Pazifik kommen inzwischen auf 1 Teil Plankton schon zehn (!) Teile Kunststoffkleinstteilchen. Da Plastik auch ungemein gut darin ist, Schadstoffe aller Art an sich zu binden, sammeln sich bei allen Nahrungsketten, die auf Meeresorganismen und letzlich Fisch basieren große Mengen davon an. Dazu kommen dann noch die Nebeneffekte von Weichmachern auf organisches Material. Der wichtigste Weichmacher für alle PET-Produkte ist Bisphenol-A. Dieser Stoff wurde am Anfang des letzten Jahrhunderts als synthetisches Östrogen entwickelt (worin es äußerst wirksam war) und hat später einen wesentlich ertragreicheren Platz in der Kunststoffindustrie gefunden. Da Plastik ohne Weichmacher brüchig und hart wäre, ist es ein essentieller Bestandteil sämtlicher Produkte aus Plastik um uns. Kein Wunder also, dass Bisphenol-A problemlos in unseren Stoffwechselkreislauf gelangt und dort seine altbekannte Rolle als Östrogenersatz wieder heraus kramt. In Versuchen mit Ratten gelangt man zu den zu erwartenden Erkenntnissen, dass Bisphenol-A den hormonhaushalt der Tiere signifikant stört, die Spermienproduktion von männlichen Tieren massiv einschränkt und oftmals zur Unfruchtbarkeit führt. Bei Menschen gibt es noch keine aussagekräftigen Studien darüber. Auszuschließen ist es natürlich trotzdem nicht.

Was ist das nun alles? Wir sitzen hier in einem Land, dass von Produkten und Stoffen abhängig ist, die voller Umweltverschmutzung, Selbstzerstörung und letztlich auch Blut sind. Ich trinke zwar schon seit einigen Monaten nicht mehr aus Plastikflaschen und bitte die Verkäuferin beim Bäcker mir die Tüten nicht in eine weitere Plastiktüte einzupacken, jedoch beim täglichen Einkauf im Supermarkt lässt sich Plastik schlicht nicht mehr umgehen. Jedes neue Laptop und Handy, dass ich mir in den nächsten Jahren kaufen werde, wird auch noch Rohstoffe aus Konfliktregionen enthalten, weil es schlicht keine Alternativen gibt.

Es bleibt die Hoffnung auf eine steigende Anzahl von Konsumenten, von Menschen mit Kenntnis über die Geschehnisse auf dieser Welt, die zusammen irgendwann in naher Zukunft doch ein mal versuchen, eine nachhaltig produzierende Wirtschaft zu entwickeln, die nicht auf den schwer tragenden Schultern der Dritten Welt existiert. Also schaut euch Dokus darüber an. Lest Artikel. Redet mit Freunden darüber. Lasst die Welt wissen, auf welchem Misthaufen sie eigentlich sitzt. Eine bessere Welt ist möglich!

Und hier noch Infomaterial und Quellen für Enthusiasten:

Wer noch mehr in die Richtung weiß oder noch tolle Quellen hinzuzufügen hat kann mir das gerne über die Kommentare zukommen lassen. Falls jemand NGOs und ähnliches kennt, die sich speziell um die behandelten Themen kümmern, schreibe mir das bitte auch unbedingt. Vielen Dank schonmal für alles!

Verfasst von: dora | September 29, 2010

Fliegerklatsche reloaded.

Die Urlaubszeit ist gerade vorbei. Braungebrannt kommt man aus dem sonnigen Süden nach Hause geflogen und fühlt sich wieder so richtig entspannt. Billig war es auch noch, und deshalb wird nächstes Jahr wieder irgendwo ans Mittelmeer geflogen. Oder mal ein Kurztrip nach Rom? Kein Problem. Ab schlappen fünf Euro kommt man davon.

(Angebot einer Billigflugfirma vor wenigen Tagen)

Es wird zwar oft genug darauf hingewiesen, aber die meisten Menschen scheint es aus purem Egoismus trotzdem nicht zu stören („Das soll ich mir auch noch nehmen lassen?“). Fliegen ist eine Umweltschutztechnische Katastrophe sondersgleichen. Kürzlich habe ich mitbekommen, dass jemand aus dem Raum Stuttgart in Berlin eine Wohnung sucht. Um das zu erledigen muss man eben mal für 2-3 Tage in die Stadt kommen. Als ich dann aber gehört habe, dass die Person fliegt, dachte ich ich höre nicht recht. Für eine Strecke, für die man selbst mit der Bahn nur einen knappen Nachmittag benötigt fliegt da jemand innerhalb Deutschlands und es geht noch nicht mal um Urlaub. Glücklicherweise bietet die Bahn (die als einzige damit auch angeben darf) einen Service für jede befahrene Route an, mit der man herausfinden kann, welches das schnellste und umweltschonendste Verkehrsmittel ist. Das Ergebnis ist wie zu erwarten ziemlich hart:

(‚UmweltMobilCheck‘ auf der Strecke Stuttgart-Berlin auf bahn.de)

Das ist selbst für eine Strecke wie Stuttgart – Berlin ziemlich eindeutig, weil für das Flugzeug keine langen Anreisestrecken notwendig waren, was sonst noch dazukommen würde. Jetzt mag manch einer denken ‚Flugzeug ist ja noch ganz toll. Ich mag die Bahn nicht, also flieg ich lieber, weil Autofahren ist noch schädlicher.‘, nur leider ist das so falsch wie die alte Mär, dass fliegen schneller geht.

Flugzeuge fliegen nun mal leider nicht auf Bodenhöhe, sondern weit darüber. Und da unsere Atmosphäre aus verschiedenen Schichten besteht, die alle sehr unterschiedliche Eigenschaften haben, gibt es nun mal auch sehr unterschiedliche Auswirkungen von diversen Ausscheidungen eines Flugzeugs auf die Atmosphäre. Laut einem Sonderbericht des IPCC aus dem Jahr 1999 sollte man besonders bei CO2 einen Faktor von 3 ansetzen, um Auswirkungen abzuschätzen. Dann schauen wir uns doch noch mal obiges Diagramm an: 87,9 mal 3 ergibt 261,9 und damit mehr als acht Mal so viel, wie mit der (meist am Boden verankerten) Bahn.

Da geht es nicht mehr um persönliche Vorlieben und eilige Interessen. Fliegen innerhalb eines Rahmens von 700km ist meineserachtens immer unnötig. Man spart sich auf einer innerdeutschen Reise mit dem Flugzeug im Schnitt so etwa 3 Stunden. Das für den Preis eines achtfachen Umweltschadens kann und werde ich nicht verstehen. Ob ein Politiker, der wöchentlich fünfmal von Berlin nach Bonn und zurück muss, oder die Studentin auf Wohnungssuche: Fliegen ist die Klimasünde schlechthin.

Leider ist in der Zeit von Billigfliegern aber die Bahn im ökonomischen Nachteil. Ein Flug inklusive allem, was noch dazu kommt kann schon mal bei 20-30€ bleiben, während es bei der Deutschen Bahn in dieser Preishöhe selbst mit bester Vergünstigung des Dauerspezials gerade mal anfängt. Deshalb ist Fliegen auch immer öfter eine Alternative für den Wochenendurlaub in einer beliebigen europäischen Metropole. Der Focus hat zu diesem Thema mal ein paar Fakten recherchiert:

Ein Beispiel: Wer nur einen 2-Tage-Trip machen möchte, wird kaum länger als fünf Stunden zu seinem Ziel unterwegs sein wollen, egal mit welchem Verkehrsmittel, um noch genug Zeit für sein Reiseziel zu haben. Während er beispielsweise mit der Bahn in fünf Stunden von Bonn nach Berlin fahren kann, kann er in der gleichen Zeit bis nach Dubai fliegen.

Auf der innerdeutschen Bahnstrecke werden allerdings nur rund 30 Kilo des Treibhausgases CO2 freigesetzt, während es bei einem Flug nach Dubai 1540 Kilo Klimawirkung* sind, also mehr als das Fünfzigfache.

(Quelle)

Wenn man bedenkt, dass ein nichtfliegender Mensch in einem europäischen Industrieland rund 10 Tonnen CO2-Ausstoß verursacht, und so ein Flug schon mehr als ein Zehntel davon innerhalb von 5 Stunden kostet, muss es schon ein tolles Urlaubsziel sein. Ob Metropolen, Sandstrände oder Bergwandern, alles ist auch mit der Bahn oder für Extremisten sogar auf einer mehrtägigen Fahrradreise zu erreichen. Fliegen braucht keiner.

Übrigens noch ein Fakt am Rande: Die sonst so aufgebauschte Gruselzahl der Absturztoten ist letztes Jahr gerade mal auf 695 geklettert. Nicht so wirklich viel auf die tausenden Flüge gesehen. Dagegen die Zahl derer, die Aufgrund der Folgen von Schadstoffausstoß und Luftverschmutzung frühzeitig gestorbener Menschen beträgt laut einer Studie von Steven Barret (MIT) Achttausend (!) Menschen, wobei die bodennahen und Treibstoffintensiven Starts und Landungen noch nicht mal mit eingerechnet sind:

We estimate 8000 premature mortalities per year are attributable to aircraft cruise emissions. This represents 80% of the total impact of aviation (where the total includes the effects of landing and takeoff emissions)

(Quelle)

Dazu kommt natürlich noch der Fluglärm. Wie derzeit beim Flughafenneubau BBI bei Berlin oder wenige Monate zuvor bei der Debatte um die dritte Startbahn am Münchner Flughafen macht man sich keine Freunde in der Landbevölkerung, wenn man mehr Flugverkehr fordert. Der Großteil der Menschen bekommt Fluglärm leider nicht so direkt mit, was zu einer Akzeptanz von Flugzeugen führt und man sie selber ganz ohne Sorgen nutzt.

Flugzeuge sind die schlechteste Fortbewegungsart gleich nach russischen Panzern. Seht es endlich ein!

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