Verfasst von: dora | Juni 11, 2011

Kacke zu Gold

Es gibt ihn wieder: Den Atomausstieg. Das Erdbeben in Japan mit seiner folgenden atomaren Katastrophe zwang die deutsche Politik zum radikalen Umdenken. Ganz unabhängig davon wie schnell dieser Ausstieg vollzogen werden kann, muss man diesen Schritt als weltweit einzigartig und als große Errungenschaft der Antiatombewegung sehen. Aber trotz allem bedeutet diese Entscheidung nicht das sofortige Aus für alle deutschen Atomkraftwerke, sondern billigt ihnen eine gewisse Restlaufzeit zu. In dieser Zeit verbrauchen die noch laufenden Atomkraftwerke hunderte Tonnen Uran und verkaufen den produzierten Strom als billig und sauber. Beides ist falsch.
Uran ist ein sehr seltenes aber dafür stark radioaktiv strahlendes Element, was es essentiell für Atomkraftwerke macht. Jede Tonne Gestein auf der Erde enthält durchschnittlich 3 Gramm verwertbares Uran. Für jede Tonne Uran, dass in einem Kernkraftwerk in Form der Brennstäbe verwendet wird, mussten also über 300.000 Tonnen Gestein bewegt werden.
Wer nicht gerade in einem Gebiet lebt, in dem Uranerz abgebaut wird, weiß so gut wie gar nichts über dieses milliardenschwere Geschäft, dass selbst in Deutschland vor wenigen Jahren noch existierte. Wie überall im Uranbergbau wurden dutzende Millionen Tonnen Gestein aus der Erde oder im Tagebau gefördert um einige wenige Tonnen des wertvollen Uranoxids zu gewinnen. Nachdem das Gestein nach Strahlungsintensität sortiert wurde und das mit der höchsten Aktivität weiter in die Mühlen darf die das Erz zerkleinern, wird das enthaltene Uran weiterverarbeitet. Das Endprodukt einer Uranverarbeitungsanlage ist in der Regel der sogenannte „Yellow Cake„. Stark konzentriertes Uran. Bereit zu Brennstäben verarbeitet zu werden und hochgefährlich für die Umwelt. Was allerdings dabei untergeht, sind die hunderttausenden Tonnen Gestein, auf denen die Minen sitzenbleiben. Einerseits hat man Tonnenweise aussortiertes aber trotzdem hochradioaktives Material, andererseits sind auch einige andere radioaktive Elemente mit in der geförderten Masse, die für die Minenbetreiber auch nicht interessant sind . Sowohl bei der Förderung, als auch bei der Weiterverarbeitung entstehen im Uranbergbau Abfälle, die meist mit Wasser verdünnt in dafür eigens angelegte Becken geleitet werden. Diese Abfälle nennt man „Tailings„. In den meisten Förderländern hat der Betreiber einer Mine rund 10.000 Jahre Sorge für diese Becken zu tragen und muss die Renaturisierung des Gebiets einleiten. Wer schon mal einen Tagebau aus der Nähe gesehen hat, wird über beide Zahlen lachen. Andere nur über die erste. Da Politiker und andere Verantwortliche in der Regel nach 10 Jahren keine Verantwortung mehr tragen, nach 20 Jahren nicht mehr in der Öffentlichkeit stehen und nach 50 Jahren vermutlich nicht mal mehr leben, können sie alles über die Sicherheit des Mülls sagen; über den Zeitraum von 10.000 Jahren hat keiner der Beteiligten auch nur ansatzweise Kontrolle.

Vor etwas mehr als zwei Jahrzehnten förderte die WISMUT als drittgrößter Produzent weltweit Uran in Sachsen und Thüringen für die Sowjetunion. Die Folgen müssen die Bundesländer und auch die WISMUT bis heute tragen. Die Renaturierung großer Gebiete ist bereits in vollem Gange. Die ehemaligen Tailing-Becken jedoch sind bis heute eine Gefahr für die Umwelt. Die Gegend ist von den Millionen Litern stark radioaktivem Schlamm durchzogen und eigentlich weiß keiner so recht ob und wann davon etwas ins Grundwasser gelangen kann. Vermutlich ist dies auch schon geschehen.


(Beim Uranabbau künstlich entstandene Hügel in Thüringen, Quelle)

Die Rückbaukosten sowie der Aufwand für die Sicherung alter Anlagen ist Sache der Betreiber und nach deren Insolvenz fast immer Sache der Länder. Atomstrom ist nur deshalb so billig, weil Atomkraftwerksbetreiber mit dem Rohstoffpreis nur die Förderung von Uran bezahlen. Die Millionen Liter radioaktives Wasser, die riesigen Berge an Schutt, das Rückführen des Materials in die Minen und der sichere Verschluss über hunderte Generationen ist hier nicht mit eingerechnet. Jeder Tag, den ein heute laufendes Atomkraftwerk in Deutschland in Betrieb ist, spielt es in etwa eine Million Euro an reinem Gewinn ein. In den etwa 10 Jahren Restlaufzeit, die die restlichen deutschen Atomkraftwerke in etwa noch laufen werden, fallen dagegen über 10 Millionen Tonnen Tailings in den Uranminen der Welt an, um die sich noch zehntausende Jahre lang gekümmert werden muss.Uranabbau birgt nicht nur Risiken wie ein Atomkraftwerk, sondern stellt eine ernstzunehmende Gefahr für die Umwelt dar. Tailingbecken sehen für Tiere aus wie normale Seen. Jeder Vogel, der in einem solchen Becken auch nur landet, stirbt sehr bald an einer Überdosis an Radioaktivität. Tailingbecken sind unabhängig von Aussagen der Betreiber grundsätzlich undicht und verseuchen die Umgebung durch Grundwasser und unutzbare Landschaft auf Jahrtausende.
Von billig und sauber kann daher keine Rede sein.


(Rand eines Tailingbeckens, Flickr)

Und trotzdem: Deutschland ist das erste Industrieland, dass den Atomausstieg wagt. Weil wir jahrelang ohne viel Hintergrundwissen und die Gefahr verdrängend die Atomenergie ausgebaut haben, können wir wie alle Atomstromabhängigen Länder nicht von heute auf morgen alle Kraftwerke abschalten. Der Ausstieg aus der Kernenergie wäre vermutlich früher möglich, aber dennoch ist auch ein später Ausstieg wegweisend für die ganze Welt und sollte durchgezogen werden. Hier zum Beispiel ein Zitat aus einem bekannten  amerikanischen Blog:

Other nations, including Japan, Italy, and Switzerland, have announced plans to pare back nuclear power, but none have gone as far as Germany, the world’s fourth-largest economy. Merkel vows to replace nuclear power with alternatives that do not increase greenhouse gases or shackle the economic growth. Could the US do the same? An increasing number of reports suggest it is not beyond the realm of possibility, and Germany could provide a road map.

(Quelle)

Allein aufgrund dieser Vorbildfunktion muss Deutschland diesen Kurs behalten und veruschen den Ausstieg noch weiter zu verkürzen. Da auch Uran nur eine endliche Ressource ist, bleibt uns langfristig auch nichts anderes übrig, als andere Energieformen zu finden und zu nutzen. Warum sollte man nicht jetzt schon damit anfangen?

Empfehlenswerte Medien für weiterführende Informationen:
"Yellow Cake" (Film über Uranbergbau in der ganzen Welt und insbesondere Deutschland)
"Uranium - Is it a country?" (frei verfügbarer Film über Uranabbau in Australien)
"Auf Augenhöhe" (Kurzdokumentation zum leichten Einstieg in das Thema)
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Responses

  1. Danke für den Artikel, weist er doch darauf hin, dass die Kosten so schlecht verteilt werden, dass die Preise des Atomstroms nur deshalb so günstig wirken.

    Ich würde allerdings gern mehr zu folgender Aussage erfahren:
    „Tailingbecken sind unabhängig von Aussagen der Betreiber grundsätzlich undicht und verseuchen die Umgebung durch Grundwasser und unutzbare Landschaft auf Jahrtausende.“

    Aus welcher Hintergrundinformation schließt du oder weißt du, dass die Becken grundsätzlich undicht sind? Wenn man dazu reliable Informationen hat, kann man andere besser überzeugen. 🙂

    • „Undicht“ meint hier zwei verschiedene Dinge. Erstens das, was man auch darunter versteht. Nämlich undicht in Richtung Boden. Tailingbecken sind tatsächlich in allen Fällen von denen ich gelesen habe und die in diversen Filmen vorkommen (was natürlich nichts über die Gesamtheit aussagt) nicht besonders isoliert (zB durch Plastikfolie), sondern es wurden Dämme aus Erdreich aufgeschüttet und in diese Becken Tailings eingeleitet. Abgedichtet durch die Erde selbst und nicht mehr.
      Zweitens sind Tailings immer an der frischen Luft und damit undicht nach oben. Ständig verdunstet Wasser und hinterlässt an den Rändern der Becken hochradioaktiven Staub, der vom Wind in die Umgebung gebracht wird. Hoffe das beantwortet deine Fragen ohne konkrete Quellenangabe. Viele der Informationen kommen aus dem Film Yellow Cake, der auch oben verlinkt ist. Bei weiterem Interesse kann ich den Film nur sehr empfehlen.

  2. Oh ja, danke! Ich habe es noch nicht geschafft, die ganzen verlinkten Dokus anzusehen, aber das ist definitiv geplant. 🙂


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