Verfasst von: dora | März 9, 2012

Stell dir vor es strahlt, und keiner guckt hin – Ein Skandal in drei Akten

Schon seit 1981 werden in dafür gebauten unterirdischen Lagern unter dem inzwischen stillgelegten Atomkraftwerk Brunsbüttel über eintausend Fässer mit angeblich schwach- bis mittelradioaktivem Abfall gelagert. Diese Lager bestehen an allen Seiten aus meterdickem Beton, sind aber nicht für eine Lagerung von vielen Jahrzehnten ausgelegt. Daher werden die Fässer schon seit 2004 aus den Kellerräumen herausgeholt und der Inhalt in neue gusseiserne Behälter gebracht, in denen der radioaktive Müll in ein potentielles Endlager gebracht werden kann.

Technische Störung

Am 15. Dezember letzten Jahres ist nun bei diesen Umfüllarbeiten etwas außergewöhnliches passiert. Die genaue Rekonstruktion ist selbst für den Betreiber Vattenfall nur schwer möglich. Pro Fass waren bisher rund drei Stunden für die Umlagerung in die neuen Behälter notwendig. An diesem Tag war nun in den einsehbaren Dokumenten von Umfülldauern bis zu acht Stunden die Rede. Der Grund ist, dass bei den Arbeiten ein Fass gefunden wurde, welches zu großen Teilen nur noch aus einer dünnen Rostschicht bestand und durch den Absaugvorgang komplett zerstört wurde.

Das ist der erste Skandal. Es gibt unter mindestens einem deutschen Meiler gigantische Keller mit über 200.000 Litern radioaktivem Material das seit vielen Jahren kein Mensch mehr betreten hat. Des Weiteren stimmt die Zahl der Fässer in den Betreiberdokumenten nicht mit der Zahl der vorhandenen Fässer überein. Nicht mal Vattenfall scheint also genau zu wissen, welche Stoffe dort überhaupt lagern.

Verzögerungen im Betriebsablauf

Wie der Zufall es will, haben genau zwei Tage später die Weihnachtsferien begonnen und da schließlich auch Kernkraftwerksbetreiber einmal Urlaub brauchen haben sich die zuständigen Menschen bei Vattenfall erst am 09. Januar des neuen Jahres weiter mit dem Fall beschäftigt. Am 10. Januar, war der TÜV Nord in Brunsbüttel zu Besuch und wurde auf die Unregelmäßigkeiten bei den Umfüllarbeiten über die ungewöhnlichen Zahlen in den Dokumenten aufmerksam. Zusammen mit den Fotos der verrosteten Fässer wurde nun die Atomaufsichtsbehörde des Landes Schleswig Holstein informiert, die ebenso wie der TÜV sofort aktiv wurde und die Öffentlichkeit informierte. Es sei „im Rahmen regelmäßiger Kontrollen bei einem bereits entleerten Fass sehr starke Korrosion und eine Zerstörung des Fassmantels festgestellt“ worden, heißt es da. Und weiter: „Nach sorgfältiger Auswertung aller bisher vorliegenden Informationen haben wir festgestellt, dass weitere Fässer zum Teil erhebliche Korrosionserscheinungen aufweisen.“

Korrosion entsteht nicht von heute auf morgen. Noch weniger in einem Raum, der als Zwischenlager für radioaktiven Abfall dienen soll. Was der TÜV nun unter regelmäßigen Kontrollen versteht ist fraglich. Anscheinend hat den Raum seit der Befüllung nie ein Mensch mehr betreten. Es weiß also keiner, was sich in den Räumen befindet und es befand auch keiner nötig, sich darüber zu informieren. Über den Zustand ganz zu schweigen.

Personenschaden

Die Atomaufsicht in Kiel wird am 08. März über eine dpa-Meldung mit einem Messwert zitiert. Man habe zwischen den Fässern eine Ortsdosisleistung von 500 mSv/h gemessen. Das sei laut dpa „das 25-Fache der gesetzlich zugelassenen Dosis für Mitarbeiter in Kernkraftwerken.“. Diese Jahresdosis beträgt 20 mSv pro Jahr. Klingt auf den ersten Blick richtig. 20 mal 25 ist 500. Aber eines hat der Journalist bei der dpa nicht bemerkt. Die Einheit war nicht Millisievert pro Jahr, sondern Millisievert pro Stunde. Die Ortsdosisleistung ist also nicht um das 25-fache über der Jahresdosis eines Kernkraftwerkmitarbeiters. 25 mal 8766 Stunden pro Jahr lässt uns schnell auf eine Zahl von über 219145 kommen. Die Strahlenbelastung vor Ort ist also weit über zweihunderttausendfach über dem beschriebenem Grenzwert. Nun durfte in diesen Keller sowieso kein Mensch hinein. Grenzwerte für Arbeiter machen also nicht viel Sinn für einen seriösen Vergleich. Das Ökoinstitut spricht nun bei ähnlichen Lagern für schwach- und mittelradioaktiven Müll von 10-20 mSv pro Stunde. Auch schon erheblich mehr als zulässige Grenzwerte für Menschen, aber genau dafür hat man ja Zwischenlager. Ein weiterer Vergleich: An der vom Meer abgewandten Seite des Reaktorgebäudes von Block 3 des Kraftwerks Fukushima Daiichi ist vier Tage nach dem Unfall letztes Jahr ein Wert von 400 mSv/h gemessen worden. Das heißt dass in einem Keller nahe Brunsbüttel nicht nur das 50-fache der dafür normalen Strahlungsdosis gemessen wird, sondern sogar Messwerte in der unmittelbaren Umgebung eines zuvor explodierten Atomkraftwerks übertrumpft werden.

Diese Werte in den Höhlen von Brunsbüttel sind nun nur noch durch zwei Möglichkeiten zu erklären. Entweder es gab einen Fehler bei der Messung oder der Kommunikation des Messwerts, oder die Preußen Energie AG, vormaliger Betreiber des KKB hat diverse Materialien in diesen Räumen eingelagert, die definitiv nicht unter die übliche Definition von „schwach- bis mittelradioaktiv“  fallen. Zusätzlich sei erwähnt, dass natürlich somit auch Vattenfall als wirtschaftlicher Nachfolger der Preußen Energie AG erstens keine Ahnung hatte, was da in Ihren eigenen Kellern schlummert und zweitens gar keine oder zumindest falsche Vorkehrungen getroffen hat um eine Kontamination außerhalb der Fässer zu vermeiden. Schon ein sehr interessantes Verhalten für den Betreiber einer so heiklen Technik, die nur auf dem Papier beherrschbar und nur in der Werbung sauber und unproblematisch ist.

Achja, noch der Vollständigkeit halber: Inzwischen wurde offensichtlich versucht, Kameras in den Aufbewahrungsräumen zu installieren, die dokumentieren können, was am Grund der Keller vor sich geht und wie der Zustand weiterer noch nicht geborgener Fässer ist. Dies sei nicht möglich, weil die Kameras nach wenigen Minuten aufgrund der hohen Strahlung nicht mehr funktionsfähig sind.

Quellen und Presseschau:
http://www.schleswig-holstein.de/MJGI/DE/Service/Presse/PI/2012/Reaktorsicherheit/120307mjgiAKWBrunsbuettelUmlagerungen.html
http://www.taz.de/Schlamperei-im-AKW/!89193/
http://www.greenpeace.de/themen/atomkraft/nachrichten/artikel/verrostete_atommuellfaesser_im_akw_brunsbuettel/
http://www.vattenfall.de/de/pressemitteilungen-detailseite.htm?newsid=85C7DECE118B4C52B9F9BA62542A77B4
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