Verfasst von: dora | April 18, 2010

Buchkritik oder so: Physik für alle, die mitreden wollen.

Dieses Buch ist Teil meines neuen „Bücherregals“
Sieh dich dort doch mal ein wenig um!

Im englischen Original „Physics for future presidents“ ist ein Buch von Richard A. Muller, dass versucht einer breiteren Allgemeinheit physikalische Zusammenhänge im Alltag klar zu machen. In fünf großen Teilen geht er knapp und informativ auf viele der derzeit wichtigsten Themen ein. Ich werde diese nun versuchen kurz vorzustellen.

Erster Teil: Terrorismus

Im ersten und kürzesten Kapitel erfährt man, warum so ein bisschen Flugzeug in einem Hochhaus selbiges tatsächlich zum Einsturz bringen kann und warum man damals überhaupt ohne Regierungsverschwörung bis zu einem „erfolgreichen“ 9/11 gelangen konnte. Für Leute wie ich die einfach keine Ahnung von Gebäude-Statik und Flugsicherheit in Prä-911-Zeiten haben, ist das nur zu empfehlen und hilft um den Großteil der Verschwörungstheorien um den Einsturz des World Trade Centers schnell beiseite zu legen.
Danach etwas sehr aktuelles: Wie sieht es denn wirklich mit schmutzigen Bomben und allgemein nuklearem Material in Terroristenhand aus? Wirklich so schlimm, wie derzeit diskutiert wird? Nach Muller ist es zwar durchaus möglich und vermutlich auch schon in Planung, dass radioaktive Substanzen für Anschläge verwendet werden können, jedoch schließt er die Gefahr einer echten Atombombe von unabhängigen Gruppen aus. Diese Gefahr geht vor allem von gut finanzierten Atombombenprogrammen in Staatshand aus (Nicht mal das ist immer erfolgreich, betrachtet man den erfolglosen ersten Atomtest in Nordkorea). Schon wahrscheinlicher sind strahlungsaktive sogenannte „schmutzige“ Bomben, die auch von mehr oder minder privat organisierten Terrorgruppen entwickelt und zur Zündung gebracht werden können. Hier ist aber der psychologische Faktor um einiges höher als alles andere. Eine schmutzige Bombe entwickelt die größte Zerstörungskraft bei ihrer (herkömmlichen, non-nuklearen) Explosion. Danach ist radioaktives Material über einen großen Bereich verteilt. Wenn nicht wirklich enorm viel davon in der Bombe war, ist allerdings die Strahlung durch den hohen Verteilungsgrad so gering, dass Menschen quasi keinen Schaden nähmen.
Abgesehen davon, weiß das kaum jemand, und das Gebiet in dem solch eine Bombe explodierte, würde trotzdem lange leer stehen. Das ist eventuell auch das Ziel der Terroristen. Aber nun wissen wir Bescheid.
Abschließend für dieses Kapitel wagt Muller sich noch an eine Prognose für künftige Terroranschläge. Er glaubt das fast keine Sicherheitsmaßnahmen einen erneuten Terroranschlag mit Flugzeugen verhindern können. Ob Flugzeuge als Geschoss, oder nur eine Bombe in einem Flugzeug: Es ist weiterhin durchführbar.

Zweiter Teil: Energie

Zu Beginn dieses Kapitels wird erst einmal grundlegend erklärt „Warum wir Mineralöl vergöttern“, was mit einer kurzen Einführung in die Gesetze der Leistung und der Vergleich zu Alternativen sehr klar scheint.
Warum ist Benzin und Kohle so unglaublich billig im Vergleich zu anderen und eventuell Umweltschonenderen Technologien zur Energiegewinnung? Unverzichtbare Information für eine nicht idealistische Diskussion zum Wandel und zur Abkehr von kohlebasierter Energieerzeugung. Gleichzeitig damit auch noch die mir bisher unbekannte Tatsache, dass uns zwar bald das Öl, aber noch sehr lange nicht die Kohle ausgehen wird. Schlechte Nachricht für Klimaschützer, aber leider eine Tatsache. Fast die meiste Kohle liegt noch dazu in China und Russland. Aufstrebende Nationen, die die dort spottbillige Kohle für mehr Wachstum und eventuell mehr Wohlstand sehr viel lieber fördern und verwenden, als in regenerative Energien zu investieren.
Solarenergie wird eine Rolle in der zukünftigen Energiegewinnung spielen, ist aber derzeit noch nicht ansatzweise verwendbar. Wie schwach diese Energiequelle im Vergleich zu Mineralöl ist, sieht man auch an dem jetzt endlich geglücktem Testflug von Bertrand Picard in seinem Solarflugzeug.
Aller Ökologie zum Trotz meint Muller, wird der Abschied von Kohle und Konsorten noch eine ganze Weile warten. Ob wir wollen oder nicht.

Dritter Teil: Radioaktivität

Das Thema bei dem vermutlich das meiste Unwissen mit der größten Angst in der Bevölkerung zusammenkommt. Zurecht ist dieser Sache eins der längsten Kapitel gewidmet. Vom Zusammenhang zwischen Intensität der Strahlung und tatsächlicher Erkrankung über natürliche Strahlung bis hin zu Tschernobyl und zurück zur schmutzigen Bombe hört man hier alles notwendige für die Diskussion über alles was mit „Atom“ zu tun hat.
Weiter geht es dann mit Basis-Physik von Zerfall und einem Gefahrenvergleich verschiedener Quellen. Auch Fragen wie „Ist Radioaktivität ansteckend?“ und der Diskussion über Riesenameisen und andere Monstermutanten stellt Muller sich aus naturwissenschaftlicher Sicht und schafft es erstaunlich gut, auch einem Laien verständlich zu machen, was denn wirklich abläuft.
Auf fast 40 Seiten widmet sich Muller dann noch allerlei Kernwaffen. Die Entwicklung wird relativ detailliert dargestellt und vermittelt einem nochmals das Gefühl, dass eine Terrororganisation im Untergrund so etwas nicht fertig bringen würde.
Kernenergie ist dann noch ein wichtiger Teil: Was für Möglichkeiten, die Energie in Atomkernen zu Nutzen haben wir überhaupt? Welche ist wie sicher? Gibt es etwas sehr sicheres? Und was machen wir eigentlich mit dem Atommüll?
All diese Fragen werden erstaunlich optimistisch dargestellt, dass man zeitweise schon meinen könnte, Muller ist Eigentümer eines Atomkraftwerks. Doch Physik und Statistik sprechen eigentlich für ihn, was zu einem wesentlich differenzierterem Bild über Atomenergie führt, als man es sonst durch verhärtete Fronten zwischen AKW-Propaganda und Umweltschützern mitbekommt. Ich frage mich nach Lektüre dieses Kapitels ernsthaft, wie viele der öffentlich diskutierenden Menschen davon überhaupt etwas weiß. Daher unbedingte Leseempfehlung.
Zuletzt wird dann noch auf die Fusion eingegangen, die ja quasi auch „Kernenergie“ ist. Der Forschungsstand ist noch weit von kommerzieller Nutzung entfernt, aber trotzdem geht Muller davon aus, dass Fusion die Energiequelle schlechthin für das 21. Jahrhundert wird. Für eine politisch motivierte Diskussion spielt das allerdings derzeit noch kaum eine Rolle.

Vierter Teil: Weltraum

Mit Abstand der physikalischste Teil dieses Buches dreht sich rund um bemannte und unbemannte Raumfahrt und deren Sinn.
Das Credo des Autors ist klar: Raumfahrt, ja bitte und gerne! Aber bemannt ist es großenteils Schwachsinn und steht in keiner Relation zu den Kosten.
Dann erfährt man noch jede Menge über Satelliten. Von GPS über Wetterradar bis hin zu militärischer Spionage erfährt man wieder alles relevante zum Mitreden. Interessant ist dieses Kapitel jedenfalls vermutlich nur für naturwissenschaftlich sehr Interessierte Menschen.

Fünfter Teil: Globale Klimaerwärmung

Nach einer kurzen Einführung über die Geschichte des Klimas werden die wissenschaftlichen Tatsachen hinter Treibhauseffekt, Ozonloch und eine Basisstunde in Statistik geliefert.
Richard A. Muller ist weit davon entfernt, ein „Klimawandelskeptiker“ zu sein. Jedoch ist seine Haltung sehr vorsichtig und er geht mit potentiellen Alternativen zu CO2-Verbrauchenden Technologien hart um. Der Wandel dauert noch lange und vermutlich zu lange. Der Autor meint, die Debatte um den Klimawandel sei eine der wenigen, die man kaum führen kann, ohne seine Meinung nicht stark einfließen zu lassen, und nimmt sich das auch für die nächsten Seiten zum Vorbild. Er beschreibt das IPCC als wichtigstes Organ für die Diskussion, warnt vor AlGore’schen Übertreibungen und geht noch kurz auf Fluch und Segen von Propaganda bei solch wichtigen Themen ein. Letztendlich können wir selbst heute nur „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ sagen, dass die tatsächlich existierende Erwärmung der Erde in den letzten 50 Jahren vom Menschen verursacht worden ist. Die Wahrscheinlichkeit liegt bei ca. 90% und ist damit schon sehr hoch, aber das IPCC würde aus politischen Gründen niemals sagen „In 10 Jahren ist das Eis weg und das Meer so und so hoch.“ Sowas schreiben nur Zeitungen und Al Gore. Trotz allem erkennt Muller zweifellos an, dass der Klimawandel real ist und höchstwahrscheinlich der Mensch verantwortlich ist, und somit auch Lösungen finden sollte, um die Sache in den Griff zu bekommen.
Wie schwer das ist, und was für eine Menge an scheinbaren Alternativen ein tolles Bild in der öffentlichen Meinung genießt, und doch eigentlich unnütz ist, und auch welche Technologien unterschätzt werden und gleichzeitig unverzichtbar für eine mineralölfreie Zukunft sind, wird hier ausführlich erläutert.
Nach einer wie nach jedem Kapitel folgenden „Zusammenfassung zum Mitreden“ schließt auch dieses Kapitel und hinterlässt einen mit jeder Menge neuen Informationen.

„Physik zum Mitreden“ ist für jeden gedacht. Der Physiker, der Alltagstaugliches lernen will, was er in der Uni nicht gelehrt bekommt, und jeder andere Mensch, für den Physik seit jeher ein unbeschriebenes Blatt ist, aber der trotzdem am Stammtisch nicht der klein beigebende Nichtswisser sein will. Ich halte jedes Kapitel für absolut lesenswert. Viele Informationen liegen auf der Hand, aber werden nicht so wahrgenommen und verglichen, wie hier. Man bekommt die Grundlage für eine Debatte geliefert und (zumeist jedenfalls) keine vorgefertigte Meinung.
Egal wie viel man zu sagen hat oder haben wird: „Physics for future presidents“ ist ein Titel, den dieses Buch verdient.

(Und wie immer: Ich habe das Buch daheim. Wer die Kosten scheut, leihe es sich von mir aus.)

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