Verfasst von: dora | Juni 21, 2009

Demokratie. In Zukunft?

Das politische System in dem wir uns in Deutschland derzeit befinden, ist wie in den meisten Ländern dieser Erde ein demokratisches. Dieses Modell war lange Zeit das Beste, was man finden konnte, um möglichst viele Menschen aus diesem ‚demos‘, dem Volk, mit in politische Entscheidungen einzubinden. Nichtsdestotrotz ist diese Einbindung sehr schwach. Wahlen sind sehr selten (was auch seinen guten Sinn hat, aber das ändert nichts an der Tatsache) und knapp 600 Vertreter im Parlament für eine Bevölkerung von über 82 Millionen ist kein Verhältnis, worauf man stolz sein könnte.
Aus bürokratischen und organisatorischen Gründen, und nicht zuletzt weil es nur noch ein großes Tohuwabohu geben würde, hat an diesen Festen des Systems nie jemand gerüttelt, da es keine tolle Alternative gab.

Nun, soviel zur Vergangenheit.
Diese hört vor etwa vor 20 Jahren auf. Die damalige Erschaffung eines Netzwerkes auf elektronischem Boden, die man später „Das Internet“ nennen sollte, hat nach langer Zeit der politisch-existenziellen Langeweile mal wieder etwas neues für uns in petto.
An zwei Beispielen aus dem aktuellen Tagesgeschehen sieht man deutlich, dass die Welt nicht mehr so ist, wie sie noch vor fünf Jahren war.

Beispiel 1: #zensursula

Die Bestrebungen, der Bundesregierung und in persona Ursula von der Leyens Grundzüge einer Zensurinfrastruktur in Deutschland zu errichten, waren zumindest im Bundestag jetzt erfolgreich. Abgesehen davon, dass der jetzige Gesetzentwurf aus vielerlei Gründen schnell vom Bundesverfassungsgericht wieder entfernt werden wird, und der Bundesrat dazukommend auch noch zustimmen müsste, hat man daran vor allem eines gesehen:
Die vom Spiegel so schön titulierte „Generation C64“ wird erwachsen. Es gibt eine ganze Reihe Netz-Affiner, technophiler Menschen, die sich sehr oft und regelmäßig im Internet aufhalten, darin Arbeiten, Kontakte pflegen, Informationen austauschen und, und, und. Kurz diese Leute nutzen das Netz. Und das auch noch sehr effektiv. Mit dem Kurznachrichtendienst twitter, der vor gar nicht so langer Zeit aus den USA nach Europa geschwappt ist, hat es nun eine zu Beginn gar nicht so große Gruppe an Aktivisten gegen den selbigen Gesetzentwurf geschafft, sage und schreibe 134.000 Menschen zum unterzeichnen einer ePetition zu bringen.
Jeder Hans hat darüber gebloggt, jeder Fritz einen Tweet in die Welt gesetzt. Mund-zu-Mund-Propaganda, war nie so effektiv wie heute. Nie kann ein einzelner so viele Leute erreichen wie heute.
Vor kurzem hat mal irgendeiner ausgerechnet, wie groß die Netzgemeinde in Deutschland ist. Er kam zu dem Ergebnis, dass die schreibende Zunft (Also alle Blogger, Twitterer und sowas) zirka eine halbe Million Menschen umfasst. Regelmäßig das Internet nutzen, also vor allem in lesender Form, nutzen das Internet in Deutschland schon fast 50% der Bevölkerung. Man muss nicht lange über diese Zahlen nachdenken, um zu sehen was hier noch für ein Potential steckt.

Beispiel 2: #iranelection

Die letzten Präsidentschaftswahlen im Iran, verändern dieses Land im Moment. Ein Teil der Bevölkerung wirft dem amtierenden Präsidenten Wahlbetrug vor. Doch die dortige Regierung weiß sich ja wie so oft zu helfen. Zensur ist dort kein Fremdwort. Also verwieß man ausländische Berichterstatter der klassischen Medien des Landes, idealisierte die eigenen Medien für die gewollte Meinung, und siehe da: man sperrte sogar eine ganze Menge Blogs.
Das Problem scheint gelöst.
Doch das Internet besteht eben zum einen aus mehr als nur Blogs und zum anderen ist es quasi dafür gemacht, umgangen zu werden. Es ist dezentral und lebt von den Nutzern. Jeder kann seinen eigenen Server daheim aufbauen und mit dem online gehen, statt auf staatliche Provider vertrauen zu müssen. Das Netz und die Menschen haben zu viele Möglichkeiten und zu viel Wissen, als dass Zensur hier noch effektiv wäre.
Wieder spielt Twitter eine große Rolle. Man verabredet sich via Twitter zu Demonstrationen, verteilt die Links zu Videos und Bildern, die die Welt sehen muss, sie aber vor den Zeiten des Internets nie gesehen hätte.
Die Regierung im Iran ist derzeit noch zu stark, um ernsthaft gefährdet zu sein, aber ich traue mich, die derzeitigen Aufstände als eine kleine Revolution zu bezeichnen. Und diese Revolution basiert zum allergrößten Teil auf den Kräften des Internets.

Freilich, Montagsdemos in der DDR haben auch funktioniert, und die französische Revolution hat auch wunderbar geklappt. Der Unterschied liegt heute aber in der Zeit. Es geht schnell, einfach und jeder kann teilhaben. Darum machen es auch immer mehr. Derzeit vor allem die Generation C64 und alles, was nachkommt. Jedes heute geborene Kind wächst in einer selbstverständlich vernetzten Welt auf und wird mit den Möglichkeiten handeln.
Und genau hier liegt die Chance. Diese Chance wird von jedem einzelnen Politiker von heute verteufelt werden, weil sie die eigene Macht in Gefahr bringt. Aber trotzdem: Wir haben die seltene Chance ein neues politisches System zu schaffen.
Es wird mindestens noch zwanzig Jahre brauchen, bis der medial gebildete Anteil an der Bevölkerung groß genug ist, doch dann ist es unvermeidbar.

Demokratie 2.0 wird kommen, und diesmal wird das Land nicht von Leuten regiert, die weitenteils keine Ahnung haben und von keinem gemocht werden. Demokratie 2.0 besteht aus Gesetzentwurf-Wikis mit Editier und Umfragefunktionen, aus transparenten Entscheidungen, der Intelligenz und dem Wissen der Masse, Diskussionen zwischen Menschen aus dem ganzen Land, und vor allem: Diese Demokratie hat ihren Namen verdient. Dann regiert das Volk. Und kein Volksvertreter.

Zu diesem Thema gibt es auch einen sehr gut gemachten und wie es sich für diese Zeit gehört frei verfügbaren Film. Ich werde nicht verlinken. Das kommt dem Film kaum zu gute weil jeder wieder weiter klickt. Ich werde ihn einbinden. Und ausdrücklich empfehlen. Er ist auf Englisch und über eine Stunde lang. Aber gut investierte Zeit.


(Direktlink, falls bei jemandem die Einbindung nicht funktioniert: vimeo.com/4489849)

Und die Homepage der Filmemacher: usnowfilm.com/

Und hier noch die Seite, die mich auf den Film gebracht hat: Nerdcore.de

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Responses

  1. […] Blogeintrag auf hirnrauschen.wordpress.com (de) […]

  2. […] ums Maul geschmiert bekommen hat oder/und wie die Parteiprinzipien es verlangen. Und da es bereit sinnvolle Alternativen im Aufbau gibt, noch einmal meine […]


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