Der Turmbau zu Basel.

Dezember 2, 2009

Die Schweiz ist das einzige große Land in Europa, dass Demokratie direkt ausführt. Im Grunde war und bin ich ja der Ansicht, dass ein Wahlsystem umso besser funktioniert, je offener es ist. Wenn Menschen ausgeschlossen werden, und Entscheidungen geheim gehalten werden, geht eigentlich zwangsläufig etwas schief.
Wie auch schon in früheren Artikeln gehe ich ebenso davon aus, dass die Zukunft der Politik sich gravierend verändern wird. Durch Vernetzungen in allen Lebenslagen ist Demokratie als wirkliche „Herrschaft des Volkes“ und nicht derer Volksvertreter wesentlich durchsichtiger und einfacher zu gestalten.

Jedoch was sich nun in der Schweiz abgespielt hat über die letzten Monate, lässt dann doch wieder etwas am menschlichen Verstand zweifeln. Der Unterschied zur indirekten Demokratie ist eben, dass es keines Parlamentes bedarf, um ein neues Gesetz zu etablieren. Es braucht genau wie hierzulande einen Antrag und dann ein Votum. Nur ist beides vom einem ausreichend großen Teil der Schweizer selbst passiert.

Zuerst gab es eine Volksinitiative gegen den Bau von Minaretten in der gesamten Schweiz. Diese fand so großen Zuspruch, so dass es nach langer Bürokratiearbeit tatsächlich zur Abstimmung für oder gegen Minarette kam.
Diese Wahl fand nun letztes Wochenende statt und eine überwältigende Mehrheit der Helvetier hat dafür entschieden, den Satz „Der Bau von Minaretten ist verboten.“ in die Verfassung aufzunehmen.

Dass man mit relativ einfachen Mitteln eine große Masse Menschen zu einfachen Zielen mit klaren Feindbildern aufstacheln kann, kennt man aus der Geschichte zur genüge.
Gerne meint man immer, dass so etwas in Europa so schnell nicht wieder komme. Man habe ja gelernt.
Ich denke, nichts davon ist wahr. Ohne bereits einen kleinen schnurrbärtigen Postkartenmaler über die schweizer Grenze nach Berlin laufen zu sehen, habe ich nun auf jeden Fall ein anderes Bild von der Schweiz.
Dieses Land ist nicht nur ein Hochland, dass sich immer aus allem heraushält und unser Geld verwaltet.
In der Schweiz leben Menschen wie überall auf der Welt auch. Und auch in der Schweiz gibt es genug Probleme die gerne mal auf Ausländer geschoben werden.
Ich finde das dort wie hier als inakzeptabel. Der Unterschied ist, dass hier ein Kontrollgremium zwischen Volk und Verfassung sitzt. Meistens als Blockade empfunden, ignoriert der Bundestag Petitionen und auch sinnvolle Argumente die von innen kommen. Das hat den Vorteil, dass ’schlechtes’ Gedankengut gestoppt wird.
Wir befinden uns in einem politischen Gebiet, in dem man nur noch sehr subjektiv von „Gut“ und „Böse“ sprechen kann.
Meine Haltung ist aber nun mal, dass Einschränkung der Grundrechte für einen Teil der Bevölkerung negativ für alle Beteiligten ist, und dass die Wahrung dergleichen eine ausgeglichenere Gesellschaft schaffen kann.

Was die Schweiz da veranstaltet hat ist eine große Leistung für die Leute, die die Initiative gegründet haben, aber eine gigantische Niederlage für das System „Direkte Demokratie“.
Lässt man das Volk entscheiden, kommt die Todesstrafe zurück, und Minderheiten werden unterdrückt, damit sie auch ja keine Arbeitsplätze mehr wegnehmen können. Dieser Meinung war ich schon vorher, doch nun hat sie sich gefestigt und bestätigt.

Der Mensch ist unmündig in der Masse über sich selbst zu entscheiden.
Traurig aber wahr.

Das Gruselkabinett.

November 1, 2009

Es ist kaum fassbar. Ein Skandal jagt den anderen. Jeden Tag aufs neue entblöst sich der nächste Minister.
Diese Regierung unter dem Namen „Kabinett Merkel II“ ist der bis dato ungeschlagene Höhepunkt politischer Dreistheit und treibt mich ein wenig an den Rande meines Vertrauens.

Wir haben jetzt einen Aussenminister, der sich zu fein ist, andere Sprachen zu sprechen und allein aufgrund der Ideologie seiner Partei noch nie wirklich mit Aussenpolitik zu tun hatte. Wir haben einen Finanzminister der öffentlich zugab, im CDU-Spenden-Skandal von 1999 in sechsstelliger Höhe beteiligt gewesen zu sein und anscheinend unter Amnesie leidet. Wir haben einen Gesundheitsminister, der gerade einmal ein halbes Jahr Wirtschaftsminister von Niedersachsen war, und vom komplexen Gesundheitswesen keinerlei Ahnung hat. Und wir haben einen Umweltminister der das Vertrauen von Angela Merkel genießt, ansonsten aber nicht konservativer und nachhaltigkeitsschädigender sein könnte.

Aber noch einmal der Reihe nach.

Guido Westerwelle, amtierender Aussenminister von Deutschland, erlaubte sich am Tag nach der Wahl folgendes:

(Youtube-Direktlink)

Egal ob Minister des Inneren, Familienpolitiker oder Verkehrsminister. Es wäre mir recht egal, wie es um die Fremdsprachenkenntnisse der jenigen Politiker aussieht, die diese Ämter innehaben.
Nicht verstehen kann ich dies jedoch bei der Kanzlerin, dem Bundespräsidenten und vor allem beim Aussenminister. Es existieren noch eine handvoll Videos, die eindrucksvoll darlegen wie es um Westerwelles Englisch wirklich steht (wie zu erwarten nicht gut).
Und ganz abgesehen davon: Man kann es als Chance sehen, aber auch als Risiko. Westerwelle ist öffentlich homosexuell, und wird nicht umhin kommen, zu öffentlichen Veranstaltungen auch seinen Lebensgefährten mitzunehmen. Wie sich das auf die Beziehungen insbesondere mit islamisch geprägten Ländern auswirkt, wird sich zeigen.
Was Guido Westerwelle jedenfalls hat, ist das Vertrauen der Kanzlerin.

Philipp Rösler, amtierender Gesundheitsminister von Deutschland, ein Deutscher, wie jeder andere, auch wenn einige Medien das aufgrund seiner Vergangenheit als ein aus dem Vietnam adoptiertes Kind etwas anders sehen. Er setzte in der Schule schon selbst das Gerücht in die Welt, er beherrsche asiatische Kampftechniken, was ihm unliebsame Mitschüler vom Hals hielt.
Als er als schon reifer Oberstufenschüler und in seiner Eigenschaft als Schülersprecher an einen rassistischen Lehrer geriet und sich wie kaum ein anderer behauptet hatte, war der politische Kämpfer in Rösler geboren. Seine Fähigkeit, schnell und scharf gegen andere vorzugehen, und gleichzeitig nie unter die Gürtellinie zu gehen, machte ihn schnell zu einem angesehen Menschen, was sich auf seine Karriere niederschlug. Mit 27 Generalsekretär der FDP, mit 33 schon Landesvorsitzender der niedersächsischen FDP. Drei Jahre später hat er es zum Februar diesen Jahres bereits zum Wirtschaftsminister von Niedersachsen geschafft und wird ein halbes Jahr später nach Berlin gerufen, um dort dem Gesundheitswesen beizuwohnen.
Rösler promovierte vor seiner politischen Karriere bei der Bundeswehr zum Stabsarzt. Das war dann vermutlich auch das letzte, was ihn mit dem Gesundheitswesen verbindet. Gerade im Ministerium für Gesundheit, in dem die ganze Gesellschaft verständlicherweise so fein und emotional reagiert, und welches aufgrund seiner Komplexität gleichzeitig extrem schwierig zu koordinieren ist, setzt die Regierung auf einen jungen, redegewandten Mann, der davon keine Ahnung hat?
Zweifelsohne besitzt der Mann politisches Talent und ist ähnlich wie Guttenberg eine medienwirksame jung-dynamische Person. Mit seinem Ministerium wird er allerdings noch lange arbeiten müssen, um ansatzweise mit selbigem Umgehen zu können.
Aber vermutlich hat er einfach nur das Vertrauen der Kanzlerin.

Wolfgang Schäuble, amtierenter Finanzminister Deutschlands hat es nach Westerwelle indirekt geschafft die „Best of Youtube of the Deutsche Bundestag“-Serie weiterzuführen. Man höre und staune wie sehr Angela Merkel ihren Sicherheitswahnsinnigen Liebling doch gern hat, nachdem ein niederländischer Journalist sie auf die Verwicklungen Schäubles in den Spendenskandal von vor zehn Jahren anspricht:

(Youtube-Direktlink)

Zu Herrn Schäuble muss ich nach der letzten Legislaturperiode nicht mehr viel sagen.
Es bleibt festzustellen: Schäuble hat das Vertrauen der Kanzlerin.

Norbert Röttgen, amtierender Umweltminister Deutschlands, schließt diese Liste glorreich ab.
Ein kurzer Auszug aus seiner Karriere: 1989 bestand er sein erstes juristisches Staatsexamen. 1993 bestand er sein zweites juristisches Staatsexamen und wurde als Rechtsanwalt zugelassen. 2001 promovierte er über den europäischen Gerichtshof. Er gilt seit einiger Zeit als enger Vertrauter einiger hoher CSU und CDU-Funktionäre und arbeitete unter anderem das Wahlprogramm der CDU/CSU 2005 maßgeblich aus.
Politisch auf den ersten Blick kein großartiges Profil. Fachlich gesehen ein einseitig begabter Jurist.
Dieser Mensch, der noch nie etwas mit Umweltpolitik am Hut hatte und dem jetzt auch noch die Reaktorsicherheit der Deutschen Atomkraftwerke unterliegt, führt uns in die nächsten vier Jahre in einer Zeit, in der die Menschheit das erste Mal in ihrer eigenen Geschichte weiß, was sie falsch gemacht hat und gleichzeitig auch noch die Macht hat, es zu ändern.
Aber warum ist er dann Umweltminister geworden? Ich zitiere mal Wikipedia:

„Röttgen gilt als einer der engsten Vertrauten der CDU-Parteivorsitzenden Angela Merkel.“

Fazit: Anhand dieser vier Beispiele aus dem aktuellen Kabinett Merkel II sieht man deutlich wie sehr diese Minister anhand von Vertrauen, also Beziehungen, an ihre Machtpositionen gelangten.
Vertrauen statt Kompetenz. Sicher der richtige Weg in der heutigen Zeit.
Und ich kann nichts belegen, aber bin mir doch recht sicher, dass ich über die anderen Minister nur nichts dergleichen schreiben kann, weil ich mich nicht über sie informiert habe.

Sodann: Auf eine schöne Legislaturperiode!

Quellen sind großteils wikipedia, spreeblick, sowie die tägliche Lektüre des Tagesspiegels. Sollte irgendein Teil dieses Artikels nicht der Wahrheit entsprechen, so ist das auf meinen alleinigen Fehler zurückzuführen und ich werde diesen schnellstmöglich versuchen zu entfernen.

Ab und zu hatte ich schon über das Buch gelesen, aber mich nie sonderlich dafür interessiert. Dann, durch einen wirklich unerwarteten Zufall, sah ich das Buch plötzlich in einem Fachfremden Laden vor mir, und kaufte es.
Vielversprechend war der Buchrücken. Mit großen Fragen nach dem Anfang, nach Zufall und Willensfreiheit, wurde nach Lesern getrachtet. Nicht zuletzt warb man mit einer Synthese von Naturwissenschaft und Religion. In diesen Fragestellungen eine gewagte These.
Das Buch ist, was man dazu sagen sollte, von Hans Küng geschrieben worden, welcher Theologe ist. Aber gut, dachte ich mir, ein wenig Kontrastprogramm schadet sicher auch nicht. Wenn man immer nur die Texte der einen Seite liest, dann kann man sich ja kein gescheites Bild machen…

Drei Teile habe ich in diesem Buch unabhängig aller Kapiteleinteilung herausgelesen. Zuerst die Erklärung vieler Naturvorgänge für den Einsteiger, ein wenig Kosmologie als Grundlage für die Frage nach dem Anfang und einen allgemein groben Überblick über den Stand von Biologie, Chemie und Physik zu unserer Zeit (welche in diesem Buch immerhin bis April 2009 reicht).
Als Zweites kommt dann eine Auflistung der großen Weltreligionen und auch hier ein für Laien gedachter Überblick über die wichtigsten Merkmale, Anfangsmythen, und so weiter. Eben alles, was man über die Religion an sich und im Detail so wissen muss in diesem Gespräch. Interessanterweise ging es im bezug auf das Christentum nicht nur um die von der katholischen Kirche derzeit vertretene Auffassung der Bibel und der ganzen Christenheit, sondern es wurde auch durch Küngs theologische Wurzeln auf die moderne Exegese eingegangen und ein grundchristlicher Ethos als besser dargestellt, wie der römisch-katholische.
Als letzten und natürlich längsten Teil, widmet sich Hans Küng dann der Annäherung der beiden Themen, den gemeinsamen Lösungswegen für naturwissenschaftliche, theologische und philosophische Fragestellungen.
Zuerst passiert das recht gut und erstaunt durch die Toleranz gegenüber wissenschaftlichen Fakten, die man vom Mainstream der Religion so meist nicht erfährt. Er verbindet wie versprochen auf häufig positive Weise einen gesunden Menschenverstand mit einem Religions und Glaubensverständnis. Vereint den Glauben an Gott – aber nicht die Bibel im Wortsinne – mit moderner Forschung und einem naturalistischen Weltbild.
Anfangs hört man noch oft Sätze im Sinne von „Man kann einen Atheisten kaum oder nur sehr schwer zu einem quasi-fröhlichen Glauben an Gott bringen und ebenso einen frommen Menschen nicht von der Kälte des Atheismus überzeugen, von dem her überlasse ich dem Leser selbst, was er tut und glaubt.“. Das zeichnet Küng als Theologen aus und machte auch lange Spaß zum lesen.
Aber wie man schon hört, sollte das nicht bis zum Ende so weitergehen und ward sogar nicht weit bis über die Hälfte des Buches so weiter zu hören.
Der Theologe nahm immer weiter Überhand in Küng. Aus einem Buch, dass die Forschung und den Glauben vereinen sollte, wurde – erst zwischen den Zeilen und dann ganz offen und ehrlich – ein Buch, dass den Weg zu Gott nicht nur aufzeigen sondern bereiten will, ja ihn als einzig sinnvolle Alternative sieht. Zum Ende kommt dann noch das folgenschwere Zitat:

Ich persönlich habe Blaise Pascals „Wette“ angenommen und setze [...] auf Gott. [...]
Im Vertrauen auf diese Botschaft [die von Jesus von Nazareth], hoffe also ich als Christ wie viele Menschen auf in anderen Religionen auf ein Sterben nicht in ein Nichts hinein, sondern in Gott hinein, was alle menschliche Vernunft und Vorstellung übersteigt. Welches Kind würde schon ohne besondere Kenntnis dem Kokon ein er Raupe die freie, nicht mehr an die Erde gebundene, lichtvolle Existenz eines Schmetterlings zutrauen!
Des bleibenden Risikos dieser Wette auf unbedingtes Vertrauen hin bin ich mir selbstverständlich bewusst, aber ich bin der Überzeugung: Selbst wenn ich die Wette im Tod verlöre, hätte ich für mein Leben nichts verloren, nein, ich hätte in jedem Fall froher, sinnvoller gelebt, als wenn ich keine Hoffnung gehabt hätte.

Zitat aus „Der Anfang aller Dinge“ von Hans Küng. Anmerkungen von mir.

Spätestens hier (was glücklicherweise erst eine Seite vor Schluss der Fall war) hörte bei mir jegliches Verständnis auf. War alles Vereinende mit den Naturwissenschaftlern nur gespielt? Der Vorher so stark auf Argumente bauende Küng gerät plötzlich in eine andere Welt. Schreibt, wie missionarische Theologen nun mal schreiben und Versucht durch Glück, Sinnerfüllung und Trallafitti den Weg mit Gott als den einzig wahren darzustellen.

Hätte er den Stil, nichts zu bevorteiligen und alle Weltansichten berechtigt und unwertend gegenüberzustellen und sie vereint zu einem Weltethos zu kombinieren, der gleichzeitig der Wissenschaft mit neuen Denkmustern hilft, beibehalten, wäre ich bei ihm geblieben.
So aber musste ich schon früh dieses Buch mehr nur lesen als nachvollziehen.

Schade um den Buchrücken.

Bild dir deinen Führer.

August 10, 2009

Was zählt unsere Demokratie eigentlich in diesem Moment?
Im September sind Bundestagswahlen. Danach wird die einzige Volkspartei dieses Landes (die ehemals andere sozialdemokratische ist ja offiziell keine mehr) irgendwie koalieren und für vier weitere Jahre die Richtung dieses Landes bestimmen.
Halt. Tut die Regierung das wirklich? Mit viel gutem Glauben kann man daran wirklich noch glauben. Aber wenn man ein wenig hinter die freundlichen Gesichter schaut, sieht man schnell was alles vor sich geht.
Das Berliner Regierungsviertel ist voll von Interessensgruppen, die alle irgendwie in der Politik mitmischen wollen. Man nennt die Mitglieder dieser Gruppen auch Lobbyisten und sie sind heute so erfolgreich wie vermutlich noch nie in der Geschichte dieses Landes (sind das aber vermutlich schon eine ganze Weile). Sascha Lobo hat sich mit dem TV-Sender ARTE kürzlich selbst als Lobbyist versucht um hinter die ganze Kulisse zu schauen. Erreicht hat er als kleiner, mittelloser Mann natürlich wenig, aber trotzdem lohnt sich der Blick, um etwas mehr zu verstehen.
Nun Gut. Mit zukunftsweisender und nachhaltiger Politik hat das aus diversen Gründen wenig zu tun, aber unter anderem Funktioniert so nun mal unser System. Manager sind in egal welchem Unternehmen selten länger als für zwei Jahre sicher im Amt. Freilich können sie erneut gewählt werden, doch hat diese Tatsache vor allem die Folge, dass kein Unternehmen das aufrichtige Ziel hat, nachhaltig zu wirtschaften. Ein Manager der nachhaltig denkt, braucht dafür Geld, dass nicht sofort wieder in doppelter Menge wieder herauskommt. Er gibt es für die Zukunft aus. Und was sehen die Aktionäre und Vorstandsmitglieder auf der nächsten Versammlung? Schlechte Zahlen. Also muss der Manager gehen.
Die logische Folge aus der Existenz dieses Gedankens ist, dass kein Manager so handelt. So lange er nur für die nächsten zwei Jahre amtiert, versucht er aus dieser Zeit alles heraus zu pressen was nur geht. Wenn die Orange danach leergesaugt ist, kümmert ihn das wenig.
Mit zu diesem Auspressungsverhalten gehört dann eben auch das gezielte Beeinflussen von möglichst vielen einflussreichen Politikern, am besten im Bundestag sitzend um sie mit Einladungen zu Essen und schönen Frauen zur richtigen Meinung zu bringen. Dies allein funktioniert schon erstaunlich gut.

Nun habe ich vor wenigen Tagen noch etwas anderes mitbekommen. Dass es vorhanden ist, war schon klar. Aber in welchem Ausmaß dies geschieht, haut einen doch etwas vom Stuhl.
Das Gesetz zur Erschwerung zum Zugang von Kinderpronographie hat ja kürzlich die Hürde des Bundestags genommen. Es kam, wie sicher viele mitbekommen haben von vielen Seiten zu erheblichem Widerstand. Unter anderem auch einige Demonstrationen, eine mehr als erfolgreiche ePetition und jede Menge aufgewühler Netzbewohner. Als Gegner des Gesetzes hatte man in der Diskussion um dieses Gesetz sehr schnell mal die Meinung von ignoranten Politikern. Oft wurde das auch in meinem Kopf auf die schlichte Ahnungslosigkeit der Politiker geschoben. Doch dann wurde ich eines besseren belehrt. Zusätzlich zur sicher vorhandenen Inkompetenz vieler Politiker zum Thema Internet hat Ute Vogt in einem Interview dem Mannheimer Morgen gegenüber etwas recht brisantes und umwerfendes offenbart. Und ich muss sagen ich bin schockiert.

MM: Die SPD erboste die junge Internet-Gemeinde mit dem Gesetz gegen Kinderpornografie. Ein Fehler?

Vogt: Ich selbst bedauere es, dass wir diesem Gesetz in der Großen Koalition zugestimmt haben. Viele Abgeordnete haben sich offenbar noch nicht intensiv genug mit dem Thema befasst und wissen nicht, inwieweit Internet-Sperren zielführend sind – und inwieweit eben nicht.

MM: Also nicht bei Kinderpornografie?

Vogt: Da lassen sich Sperren in der Regel technisch sehr leicht umgehen. Ich bin froh, dass wir in der SPD eine junge Gruppe haben, die sich mit dem Internet beschäftigt. Und die warnen, dieses Gesetz würde nur einen Schritt hin zur Zensur im Netz bedeuten. Gut, dass es nun auf Eis liegt und wohl nicht mehr in Kraft treten kann.

MM: Warum hat die Bundestagsfraktion denn überhaupt zugestimmt?

Vogt: Viele hatten sicher einfach Angst vor der Schlagzeile: „SPD will nichts gegen Kinderpornografie tun.“

(Quelle: Mannheimer Morgen (Onlineausgabe), Hervorhebungen von mir)

Nicht schlecht, oder? Da hat es diese agressive, neuheitsgeile Medienwelt doch tatsächlich geschafft, sich zum mächtigsten aller Lobbyisten zu machen, der überhaupt existieren kann. Einem Lobbyisten, der Politiker nicht nur erpressen kann, sondern es auch noch ganz legal darf und schließlich auch tut. Man hängt Politiker und andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens die dem Verlag nicht passen einfach am nächsten Tag auf die Titelseite. Falls noch keine Entscheidung gefällt sein sollte, droht man mit schlechten Artikeln und in günstigen Fällen umwirbt man die Personen des Interesses sogar mit versprochenen positiven Artikeln. Quasi als Belohnung. Als Gutti (=kleine Süßigkeit) für den folgenden Hund.

Egal wie gesellschaftlich wichtig ein Gesetz ist. Man kann sich sicher sein, dass die Entscheidung Für oder Gegen den Vorschlag eines Gesetzen heutzutage nur noch in den seltensten Fällen von Politikern gefällt werden, die stundenlang über einem Gesetzestext sitzen und dann mit Gewissen und Faktenabgleich entscheiden. Für nahezu jeden Bereich gibt es eine Lobby. Und jede solche Lobby bereitet für die betreffenden Politiker ein schön gestaltetes und gut lesbares Datenblatt vor, in dem (natürlich für die Lobby sprechend und geschönt) alles wichtige auf einem Punkt steht und welches dem Politiker die langwierige unattraktive Arbeit durch 300 Seiten Studien erspart. Danach hat man den Honig ums Politikermaul angebracht und muss sich nur noch zurücklehnen und die „Debatte“ im Bundestag abwarten.
Und seien wir ehrlich. Wann hat sich das letzte Mal schon ein Politiker aufgrund einer Bundestagsdiskussion umstimmen lassen? Man stimmt so ab, wie man es ums Maul geschmiert bekommen hat oder/und wie die Parteiprinzipien es verlangen.
Und da es bereits sinnvolle Alternativen im Aufbau gibt, noch einmal meine Frage:

Was zählt unsere Demokratie eigentlich in diesem Moment?

Meine Antwort tendiert stark zu einem klaren „Nichts.“. Doch ein wenig Gutgläubigkeit gehört ja auch dazu in dieser Welt…

Demokratie. In Zukunft?

Juni 21, 2009

Das politische System in dem wir uns in Deutschland derzeit befinden, ist wie in den meisten Ländern dieser Erde ein demokratisches. Dieses Modell war lange Zeit das Beste, was man finden konnte, um möglichst viele Menschen aus diesem ‘demos’, dem Volk, mit in politische Entscheidungen einzubinden. Nichtsdestotrotz ist diese Einbindung sehr schwach. Wahlen sind sehr selten (was auch seinen guten Sinn hat, aber das ändert nichts an der Tatsache) und knapp 600 Vertreter im Parlament für eine Bevölkerung von über 82 Millionen ist kein Verhältnis, worauf man stolz sein könnte.
Aus bürokratischen und organisatorischen Gründen, und nicht zuletzt weil es nur noch ein großes Tohuwabohu geben würde, hat an diesen Festen des Systems nie jemand gerüttelt, da es keine tolle Alternative gab.

Nun, soviel zur Vergangenheit.
Diese hört vor etwa vor 20 Jahren auf. Die damalige Erschaffung eines Netzwerkes auf elektronischem Boden, die man später „Das Internet“ nennen sollte, hat nach langer Zeit der politisch-existenziellen Langeweile mal wieder etwas neues für uns in petto.
An zwei Beispielen aus dem aktuellen Tagesgeschehen sieht man deutlich, dass die Welt nicht mehr so ist, wie sie noch vor fünf Jahren war.

Beispiel 1: #zensursula

Die Bestrebungen, der Bundesregierung und in persona Ursula von der Leyens Grundzüge einer Zensurinfrastruktur in Deutschland zu errichten, waren zumindest im Bundestag jetzt erfolgreich. Abgesehen davon, dass der jetzige Gesetzentwurf aus vielerlei Gründen schnell vom Bundesverfassungsgericht wieder entfernt werden wird, und der Bundesrat dazukommend auch noch zustimmen müsste, hat man daran vor allem eines gesehen:
Die vom Spiegel so schön titulierte „Generation C64″ wird erwachsen. Es gibt eine ganze Reihe Netz-Affiner, technophiler Menschen, die sich sehr oft und regelmäßig im Internet aufhalten, darin Arbeiten, Kontakte pflegen, Informationen austauschen und, und, und. Kurz diese Leute nutzen das Netz. Und das auch noch sehr effektiv. Mit dem Kurznachrichtendienst twitter, der vor gar nicht so langer Zeit aus den USA nach Europa geschwappt ist, hat es nun eine zu Beginn gar nicht so große Gruppe an Aktivisten gegen den selbigen Gesetzentwurf geschafft, sage und schreibe 134.000 Menschen zum unterzeichnen einer ePetition zu bringen.
Jeder Hans hat darüber gebloggt, jeder Fritz einen Tweet in die Welt gesetzt. Mund-zu-Mund-Propaganda, war nie so effektiv wie heute. Nie kann ein einzelner so viele Leute erreichen wie heute.
Vor kurzem hat mal irgendeiner ausgerechnet, wie groß die Netzgemeinde in Deutschland ist. Er kam zu dem Ergebnis, dass die schreibende Zunft (Also alle Blogger, Twitterer und sowas) zirka eine halbe Million Menschen umfasst. Regelmäßig das Internet nutzen, also vor allem in lesender Form, nutzen das Internet in Deutschland schon fast 50% der Bevölkerung. Man muss nicht lange über diese Zahlen nachdenken, um zu sehen was hier noch für ein Potential steckt.

Beispiel 2: #iranelection

Die letzten Präsidentschaftswahlen im Iran, verändern dieses Land im Moment. Ein Teil der Bevölkerung wirft dem amtierenden Präsidenten Wahlbetrug vor. Doch die dortige Regierung weiß sich ja wie so oft zu helfen. Zensur ist dort kein Fremdwort. Also verwieß man ausländische Berichterstatter der klassischen Medien des Landes, idealisierte die eigenen Medien für die gewollte Meinung, und siehe da: man sperrte sogar eine ganze Menge Blogs.
Das Problem scheint gelöst.
Doch das Internet besteht eben zum einen aus mehr als nur Blogs und zum anderen ist es quasi dafür gemacht, umgangen zu werden. Es ist dezentral und lebt von den Nutzern. Jeder kann seinen eigenen Server daheim aufbauen und mit dem online gehen, statt auf staatliche Provider vertrauen zu müssen. Das Netz und die Menschen haben zu viele Möglichkeiten und zu viel Wissen, als dass Zensur hier noch effektiv wäre.
Wieder spielt Twitter eine große Rolle. Man verabredet sich via Twitter zu Demonstrationen, verteilt die Links zu Videos und Bildern, die die Welt sehen muss, sie aber vor den Zeiten des Internets nie gesehen hätte.
Die Regierung im Iran ist derzeit noch zu stark, um ernsthaft gefährdet zu sein, aber ich traue mich, die derzeitigen Aufstände als eine kleine Revolution zu bezeichnen. Und diese Revolution basiert zum allergrößten Teil auf den Kräften des Internets.

Freilich, Montagsdemos in der DDR haben auch funktioniert, und die französische Revolution hat auch wunderbar geklappt. Der Unterschied liegt heute aber in der Zeit. Es geht schnell, einfach und jeder kann teilhaben. Darum machen es auch immer mehr. Derzeit vor allem die Generation C64 und alles, was nachkommt. Jedes heute geborene Kind wächst in einer selbstverständlich vernetzten Welt auf und wird mit den Möglichkeiten handeln.
Und genau hier liegt die Chance. Diese Chance wird von jedem einzelnen Politiker von heute verteufelt werden, weil sie die eigene Macht in Gefahr bringt. Aber trotzdem: Wir haben die seltene Chance ein neues politisches System zu schaffen.
Es wird mindestens noch zwanzig Jahre brauchen, bis der medial gebildete Anteil an der Bevölkerung groß genug ist, doch dann ist es unvermeidbar.

Demokratie 2.0 wird kommen, und diesmal wird das Land nicht von Leuten regiert, die weitenteils keine Ahnung haben und von keinem gemocht werden. Demokratie 2.0 besteht aus Gesetzentwurf-Wikis mit Editier und Umfragefunktionen, aus transparenten Entscheidungen, der Intelligenz und dem Wissen der Masse, Diskussionen zwischen Menschen aus dem ganzen Land, und vor allem: Diese Demokratie hat ihren Namen verdient. Dann regiert das Volk. Und kein Volksvertreter.

Zu diesem Thema gibt es auch einen sehr gut gemachten und wie es sich für diese Zeit gehört frei verfügbaren Film. Ich werde nicht verlinken. Das kommt dem Film kaum zu gute weil jeder wieder weiter klickt. Ich werde ihn einbinden. Und ausdrücklich empfehlen. Er ist auf Englisch und über eine Stunde lang. Aber gut investierte Zeit.


(Direktlink, falls bei jemandem die Einbindung nicht funktioniert: vimeo.com/4489849)

Und die Homepage der Filmemacher: usnowfilm.com/

Und hier noch die Seite, die mich auf den Film gebracht hat: Nerdcore.de

Die iranische Pfütze.

Juni 16, 2009

Es ist schon eine Weile her, hat aber an Aktualität nicht verloren. Da sagte ein Mensch, der den größten Teil seines Lebens Journalist war, und sich jetzt als Chefredakteur einer großen deutschen Zeitung seinen Lebensunterhalt verdient, einen sehr richtigen Satz.

„Journalisten haben Wissen, dass so breit ist, wie der Ozean und so tief wie eine Pfütze.“

An dieses Zitat muss ich jetzt, Jahre später wieder denken, wenn ich die Berichterstattung aus dem Iran verfolge.
Ich muss dazu sagen, dass ich diesen Artikel schon einige Tage im Kopf habe und nicht dazu gekommen bin. Inzwischen gibt es doch ein paar wenige Lichtblicke, die dieser Artikel nicht anspricht.

Laut dem Gross westlicher Berichterstattung ist folgendes passiert:
Im Iran waren Präsidentschaftswahlen. Die Wahlbeteiligung ist mit 85% erheblich zu den Zahlen der letzten Wahl gestiegen. Der konservative „Hardliner“ Mahmud Ahmadinedschad hat die Wahl offiziellen Angaben zufolge mit 62,6 % der Stimmen klar gewonnen. Sein ernsthaftester Widersacher auf politischer Ebene Mir Hussein Mussawi ist mit fast 34% klar unterlegen.
Vermutet wird nun aufgrund der klaren Ergebnisse Wahlbetrug auf Seiten Ahmadinedschads.

Nun zu den Tatsachen:
Im Iran waren Präsidentschaftswahlen.
Bei der letzten Wahl im Jahre 2005 kam es erst im zweiten Wahlgang zu einer klaren Entscheidung (damals zwischen Rafsandschānī und Ahmadinedschad). Aufgrund der damals nicht zur politischen Stimmung passenden Wahlergebnisse bildeten sich friedliche Proteste unter Studenten und vielen anderen jungen Wählern. Da sie in der Stichwahl keine wählbare Alternative mehr sahen, entschlossen sie sich, geschlossen nicht zu wählen. Aufgrund dessen sank die Wahlbeteiligung auf ein recht tiefes Niveau von 59,6 % (Traumwerte für die EU…). Da jetzt zur Wahl 2009 keine mit der letzten Wahl vergleichbaren Verhältnisse herrschten, kam es auch zu keinen Protesten gleich welcher Form. So ist es kaum verwunderlich, wenn die Beteiligung an dieser Wahl plötzlich so hoch ist. Wenn man dann auch noch hört „besonders junge Wähler und Studenten“ (gehört in irgendeinem Hörfunk, mir fehlt leider die Original-Quelle) hätten sich genau bei dieser Wahl engagiert, sehe ich darin ein klar missverstandenes Datenblatt.

Zweitens. Wenn man sich einmal die Bevölkerungsstruktur im Iran anschaut, dann merkt man schnell, dass es mehr gibt, als nur den Norden Irans mit Teheran und einigen anderen großen Millionenstädten. Der Iran ist ein mehr als viermal so großes Land wie Deutschland und hat immerhin grob 70 Millionen Einwohner. Die Millionenstädte, in denen die Meinungen produziert werden, die wir hier im Westen mitbekommen, spielen für einen Überblick über die iranische Bevölkerung eine recht geringe Rolle. Durch die gigantischen Ausmaße des Landes und eine unterdurchschnittliche Zivilisation kommt man schnell auf die richtige Tatsache, dass der Iran ein im wesentlichen von einer ländlichen Bevölkerung geprägtes Land ist. Und eines haben die Landbewohner dieser Erde wohl alle gemeinsam: Sie sind stur konservativ und meist auch noch extrem religiös. Was für Bayern gilt hat im Iran nicht weniger zu gelten. Wenn nun eine von mir willkürlich geschätzte aber wohl noch untertriebene Zahl von 60% der Iraner in sehr ruralen Gegenden lebt, hat ein Verteidiger des Islamischen Gottesstaates und ein Gegner des Westens wie Ahmadinedschad es ist schonmal mindestens 50% dieser Stimmen. Ein paar Konservative aus den Städten noch dazu (wenngleich es sicherlich deutlich weniger sind als auf dem Land) und schon wundert mich die ach so riesige Zahl von 62% kein bisschen mehr. Ich werde mich die nächsten Stunden und Tage gerne eines besseren belehren lassen und zweitens Beabsichtige ich keineswegs die Ebnung des Weges für einen potentiellen Diktator wie Ahmadinedschad es ohne Zweifel ist, aber meine Meinung ist: Es gab keine Wahlmanipulation bei dieser Wahl. Wenn doch, dann nur in sehr geringem Ausmaß. Mahmud Ahmadinedschad ist der klare Sieger dieser Präsidentschaftswahl.

Und noch ein letzter Punkt: Mussawi, der von vielen als der Konkurrent gegen Ahmadinedschad gesehen, wäre kaum besser gewesen. Ich nehme es keinem Übel, wenn er das iranische Politsystem nicht kennt. Ausnahmen sind aber wieder mal die Journalisten. Wer darüber schreibt hat gefälligst Ahnung zu haben.
Vielleicht wollten allzuviele schon wieder in Obamania verfallen oder es hatte andere Gründe. Jedenfalls wird Mussawi als die Lichtfigur dargestellt, die alles besser gemacht hätte als sein Konkurrent mit dem langen Namen. Tatsache ist leider, dass der Iran eine sogenannte Islamische Republik ist. Das heißt es ist quasi eine Demokratie, jedoch unter der Fuchtel des Islam (hierzulande als „Islamischer Gottesstaat“ zu lesen). Als allgemeine Gesetzgebung ist die Sharia eingebunden. Ein islamisches Werk voller Richtlinien und Strafmaßen die den Worten des Koran folgen. Weiterhin gibt es den sogenannten Wächterrat. Dieser hat quasi gottgleichen Status in einer Islamischen Republik wie dem Iran. Die Gewaltenteilung in Form von Legislative, Exekutive und Judikative existiert zwar pro forma, liegt aber vollkommen in der Hand des Richterrats und ist somit unwirksam. Es kann sich jeder Wahlberechtigte zum iranischen Präsidentschaftskandidaten bewerben. Jedoch zugelassen wird man nur durch den selben Wächterrat. Dieser besteht zufälligerweise aus einer Hälfte konservativer Juristen und aus einer anderen Hälfte muslimischer Geistlicher (Bei Interesse an dem ganzen System weiß Wikipedia jede Menge mehr. War wirklich Interessant bei meiner Recherche.). Dieses Jahr haben sich 475 Personen zum Präsidentschaftsamt beworben. Zugelassen wurden ganze vier (!). Jeder einzelne dieser vier Kandidaten wieß natürlich einen einwandfreien konservativ-religiösen Lebenslauf auf und hätte der Islamischen Republik sicher keine Systemfrage gestellt. Auch, und ich betone auch Mussawi nicht.

So, jetzt sitzen wir da. Wissen ein wenig mehr von der Welt und fragen uns, warum die Menschen im Iran gerade Protestieren. Ich unterstelle den Menschen dort sicherlich kein Unwissen über die erzählten Dinge. Warum aber protestieren über zwei Millionen Menschen in der Hauptstadt Teheran inklusive teils schon blutigen Kämpfen mit der Polizei für eine Wiederholung der Wahl und wollen auf angeblichen Wahlbetrug aufmerksam machen? Da diese Protestierenden zumeist eben Stadtbewohner und intellektuelle Menschen sind, die größeren Zugriff auf moderne Medien haben als die Landbevölkerung haben, vermute ich vor allem eines: Sie sind das System satt. Der moderne Urban-Iraner ist lang nicht mehr so der urfromme Muslim und kennt westliche Demokratie sehr gut. Er ist es leid in einer Quasi-Diktatur zu leben bei der auf Grund der unumstößlichen Macht der Ayatollahs selbst die Präsidentschaftswahl eigentlich überflüssig ist. Und eines der wenigen Mittel die ihm zum Protest bleiben ist die Anzweiflung der „wichtigsten Wahl“ im Land.

Wann ist die Zeit, in der der Westen diesmal Partei ergreift? Werden wir trotz aller furchtbarer Terrorgefahr politischen Druck gegen diese Systeme aufbauen? Oder wollen wir wieder die Machthaber mit Waffenlieferungen gegen die Aufständischen unterstützen und ein Jahrzehnt später einen Krieg gegen sie führen und uns fragen, warum das Land so viel Geld und Waffen hat?

Ich weiß es nicht. Ich habe nur eine Meinung dazu. Und die wollte mal gesagt werden.

Nachtrag: Gerade noch einen Tweet von Cem Basman gelesen, der hier noch dazu muss:

„Das, was jetzt im Iran passiert, wird das Land für immer verändern.“

Wir werden sehen…

Wie zu jeder Wahl, macht man sich auch zeitig vor der Europawahl Gedanken was man denn wählen könnte, ließt sich zusammengeschnittene Parteiprogramme durch, schaut sich waehlr.de und ähnliche Geschichten an und versucht zu einem Konsens zu kommen, welche Partei denn das geringere Übel wäre. Von einer positiven Alternative ganz zu schweigen.
Doch diesmal sollte alles anders werden. Es gab doch tatsächlich mal eine Partei, die zu wählen man wirklich stolz sein konnte. Bei der man weiß: Kein Lobbyismus (weil die Partei ihn bekämpft), keine falschen Versprechen und auch keine Programmpunkte, die nicht so ganz toll sind wie die anderen.
Nein. Diese Partei hat zwar derzeit (!) nur zu Medien und Kommunikationstechnischen Themen ein Wahlprogramm, aber dort sind sie die einzigen, die wirklich was zu melden haben.

Kenner haben es längst erkannt. Die Rede ist von der Piratenpartei. Die einzig wählbaren Leute zur Europawahl 2009.

Ich möchte hier einmal ein paar Dinge klarstellen, die immer wieder von Leuten kommen, denen man von der Wahlentscheidung berichtet.

1. „Das Programm ist viel zu klein. Mir fehlt Familien- und Sozialpolitik. Wirtschaft und Arbeit werden auch nicht beachtet.“

Das ist zuerst mal richtig. Allerdings ist das auch ganz natürlich für eine so neue Partei, wie die Piratenpartei, noch kein ausgefeiltes Partei-Programm zu besitzen.
Ehrlich gesagt kann ich nicht nachvollziehen, was so schlimm daran ist, eine Partei mit kleinem Programm ins Europaparlament (EP) zu wählen. Es müssen für den Einzug ins EP keine Koalitionen gebildet werden. Einzelne Personen sind wichtig. Sobald nur einer mit Ahnung mit drin sitzt, können die Gespräche vollkommen anders laufen.

2. „Mit Splitterparteien verschenke ich meine Stimme!“

Vollkommen falsch. Verschenken kann man seine Stimme nur durch eine Nicht-Wahl.
Selbst wenn die Piratenpartei die 5%-Hürde nicht schafft (was angezweifelt werden kann ;) sind damit deutlich die Ziele unterstützt.
Nehmen wir als Beispiel aus der Vergangenheit die Grünen. Auch erst eine nicht beachtete kleine Splitterpartei. Aber als gemerkt wurde, dass die Partei immer mehr Zulauf bekommt, hat man sowohl den Themen, als auch der Partei mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Dies führte dann natürlich zu noch mehr Wählern und letztendlich zu einer der „Großen Vier“ in Deutschland.
Als Grüner wurde man heute natürlich genauso schräg angeschaut, wie heute als Pirat. Aber wer hinter den Zielen steht (Wer das nicht ist, kommentiere bitte ausführlich. Ich freue mich auf die Diskussion.), dem sollte das eigentlich egal sein. Die Wahl ist anonym ;)
Achja: Und es gibt für jede Partei schon ab dem ersten Prozent an Wählern die Wahlkampfkosten erstattet. Das pusht die Piratenpartei auch ein Stück nach oben im Falle des Falles.
Wenn ihr nicht wählt, wächst der Prozentanteil für alle Parteien die ihr sicher nicht wollt ein wenig an. Und somit hat zum Beispiel auch die NPD im Jahr 2008 in Hessen auch Staatsunterstützung bekommen. Toll, nicht?

3. „Was sollen in diesen harten Zeiten, Themen wie Internet und Kommunikation?“

Eine Frage natürlich, die via Blog zu beantworten töricht ist. Aber trotzdem:
Spätestens nach dem Gesetzentwurf zur Sperrung von Kinderpornographischen Webseiten ist eines klar: Unsere Politiker sind zumeist alt und haben keine Ahnung von Computern. Das Internet ist für sie ein rechtsfreier Raum (was er nicht ist) dem es Einhalt zu gebieten gilt. Und das am besten mit einem Stoppschild.
Dieser Gesetzentwurf ist gleichzeitig Mittel für staatliche Zensur. Und ebenso auch wirkungslos zur Bekämpfung von Kinderpornographie. Ein Googlen nach „Zensursula“ erklärt einiges.
Folgendes geht nun vor, was leider nur wie eine Verschwörung klingt, aber keine ist. Den Politikern ist das Internet unheimlich und sie sind gleichzeitig von der Lobby der Musikkonzerne und Verlage beeinflusst.
Die Folge daraus ist eine Wut an Beschränkungen und Strafen, die alle so rein gar nichts bringen (keine Chance gegen „Raubkopierer“ und der witzige nutzlose Disput mit Google wegen der Büchersache sind nur zwei Beispiele von vielen). Die Politik ist hilflos und neuen Modellen nicht aufgeschlossen. Heute mit dem Internet so wie vor 400 Jahren mit Buchdruck.
Daher: Die Piratenpartei besteht fast nur aus Leuten die die Gesellschaft wohl als Nerds oder Geeks bezeichnen würde. 20-40-jährige Computerfreaks, die im Gebiet der Medien und Kommunikation wirklich Ahnung haben.
Ehrlichgesagt ich will gar nicht, dass die Piraten führende Kraft der deutschen Vertreter im EP werden. Dazu haben sie wirklich noch zu wenig Erfahrung. Aber siehe Punkt eins. Es müssen auch Leute im Raum sein, die die Möglichkeiten kennen und Ahnung haben. Die gibt es noch nicht. Die müssen rein. Einzige Chance dazu sind die Piraten.

4. „Ich wähle lieber Grün.“

Ok, gut. Kann ich halbwegs verstehen. Umweltpolitik ist wichtig wie nie zuvor. Klimaschutz ist ein Thema das jeden angeht.
Aber Moment. War da nicht was?
Funkchip mit biometrischen Daten im Pass, Abschuss von Passagierflugzeugen (verfassungswidrig), Identifikationsnummer für jede Person ab der Geburt, Verzeichnis aller Bankkonten, präventiver Massenabgleich von Autokennzeichen (verfassungswidrig), …
Alles das, sind Punkte die die Grünen vertreten. Alles das, sind Dinge die uns erwarten, wenn die Grünen mehr zu sagen haben.
Klimaschutz ist ganz in Ordnung. Ich bin mir sicher, die Piraten haben da auch nix dagegen.
Aber sei es eine Volkspartei oder FDP und Grüne. Alle Großen Parteien treten die Grundrechte derzeit mit Füßen.
Und um es mit „Lord Helmchen“ aus dem „ZEITonline“-Forum in Anlehnung an Pfarrer Niemöller zu sagen:

Als sie Kinderpornografieseiten sperrten habe ich nichts gesagt, denn ich habe diese Inhalte ja nicht konsumiert.
Als sie Raubkopiererseiten sperrten habe ich nichts gesagt, denn ich habe ja nicht raubkopiert.
Als sie Blogs mit gesellschaftskritischen Inhalten sperrten habe ich nichts gesagt, denn ich war ja nicht gesellschaftskritisch eingestellt.
Als sie die Seiten von Oppositionsparteien und Gewerkschaften sperrten habe ich nichts gesagt, denn ich war ja nicht in der Gewerkschaft oder in so einer Partei.
Als sie das Grundgesetz ausser Kraft gesetzt haben, gab es kein Medium mehr über das ich hätte etwas sagen können.

Mein Entschluss steht fest. Ich wähle Piraten! Ich freue mich über jeden der es auch tut. Die 5%-Hürde wird zusammen mit anderen EU-Ländern wie insbesondere Schweden sicher geknackt. Noch ein Grund dagegen? Ich würde mich über Antworten freuen!

Nachtrag: Einen Tag nach der Veröffenlichung dieses Artikels kommt ein Interview ins Netz, dass quasi noch mal das gleiche sagt. Nur noch etwas mehr. Absolute Leseempfehlung.
„Interview mit einem Piraten.“

Links zur Eigenrecherche:

Piratenpartei
Bürgerrechte wählen!
„Warum ich die Piratenpartei wähle.“
Irrtum der Woche

usw. Google selbst nach Piraten, Zensursula und Co. Oder wähl einfach so die Piraten ;)

Selten hatte ein Buch so einen Wissensgewinn und gleichzeitig ein kleines Umdenken in mir erzeugt wie dieses.

„Das Tao der Physik“ von Fritjof Capra versucht, die Gemeinsamkeiten der östlichen Mystik und der modernen Elementarphysik aufzudecken.
Man muss dazu sagen, dass mein Wissen über die gesamte östliche Kultur sehr gering war. Weder über die großen Religionen, noch über Weltanschauung allgemein und der Kultur speziell in China und Indien.
Sowohl das eigentlich große Interesse für diese Denkweisen, als auch meine ständige Gier auf Physik machten dieses Buch schon zu einem Erlebnis.

Ein Beispiel zur Grundaussage des Buches:
Buddha sagt, dass nichts in dieser Welt von Dauer und alles nur in Bewegung ist. Weil der Mensch dies nicht akzeptieren kann, entstehen Leid und Trauer. Unwiderlegbar richtig und trotzdem nicht umgehbar.
Die Physik von heute spricht auch schon sehr oft von sogenannten Resonanzen. Teilchen, die nur noch so kurz existieren, dass sie quasi nicht existieren. Energie und Materie verschwimmen zusehends und nicht zuletzt die Stringtheorie ist eine einzige Bewegung. Sowohl der Buddhismus, als auch die moderne Physik reden also in etwa vn den gleichen Phänomenen. Die einen gehen vom geistigen, „ganz großen“ Denken aus, die anderen vom rationalen über das „ganz kleine“. Tollerweise kommen die beiden Denkmuster dann zu einem sehr ähnlichen Schluss.

Soweit so gut.

Was ich an diesem Buch etwas schade fand, ist allerding die Selektion, die Capra betreibt.
Er bleibt selten bei einem Mystiker und selten bei einem Thema um die Dinge zu vergleichen. Sucht sich die Zitate genau so zusammen, dass sie wahnsinnig passend erscheinen, obwohl die Personen eigentlich großteils anderer Meinung sind. Sowohl bei den Physikern, als auch bei den Mystikern und deren Interpreten.
Wenn man vollkommen textorientiert ohne Bezug auf die Personen durch das Buch geht, meint man irgendwann, wie diese Parallelen nur übersehen werden konnten, wenn sie schon so offensichtlich sind.
Sobald man sich aber mit Leuten auseinandersetzt, die nicht mit der These von Fritjof Capra übereinstimmen (nicht so der oft zitierte D.T. Suzuki, der selbst sehr westlich orientiert ist) , wird klar, dass es nur begrenzt passt.

Als zweiter Kritikpunkt ist die am Ende so bis in den Himmel gelobte Bootstrap-Theorie.
An sich eine nette Idee und auch viel dran. Nur leider versteift sich das Buch darauf, diese Theorie auf den bis damals nicht erklärbaren EPR-Effekt (Einstein-Podolski-Rosen-Effekt) und das Nicht-Auftreten einzelner Quarks zurückzuführen.
Der EPR-Effekt wurde noch nicht direkt gelöst, hat aber seit der Kopenhagender Deutung (siehe Wikipedia-Artikel) der Quantentheorie einiges an Reiz verloren.
Und es mag noch nicht jeder mitbekommen haben, das früher geschriebene Buch sowieso nicht. Aber am 10. März dieses Jahres 2009 wurde am Fermilab in den USA ein einzelnes Quark entdeckt.
Somit bleibt mir nur zu denken: Die Bootstrap-Theorie ist eine faszinierende Angelegenheit und ich freue mich, in meinem weiteren Leben als Physiker vielleicht mal damit etwas mehr damit tun zu dürfen, aber in der Art und Weise wie von Fritjof Capra dargestellt ist sie schlichtweg nicht haltbar.

Abschließend nochmal: Ja, es gibt große Parallelen und ja, die westlich-wissenschaftliche Denkweise ist nicht der Weisheit letzter Schluss.
Die beiden Philosophien, wenn ich sie einmal so nennen darf, Physik und östliche Mystik sind komplementär. Sie brauchen einander nicht. Sie handeln von sich ausschließenden Dingen. Aber der Mensch wird beide brauchen.
Der Westen ist zu sehr „Yang“. Hebt die männlichen und maschinistischen Werte hervor.
Was wir daraus lernen können, ist nicht eine „Yin-lastigere“ Welt zuzulassen und etwas mehr auf die Intuitiven Werte zu hören und nicht nur die rationalen.
Es soll nicht heißen, dass Physiker jetzt meditieren sollen und Zen-Meister ihre Freude an Knallgasexperimenten haben sollen. Nein, vielmehr die Verbindung beider Denkweisen in einer Gesellschaft.
Nicht zum Zwecke der Selbstbefriedigung mit Himalayasalz und Räucherstäbchen in einer kapitalistischen Gesellschaft, sondern in ihrer Verbindung für das öffentliche Denken. Größere ökologische Maßstäbe, im Einklang mit Mitmenschen und der Natur leben. Und dennoch technischer Fortschritt.
Allein der innere Widerspruch dieser beiden Dinge zeigt mir, wie sehr ich und wohl auch viele andere Menschen von der westlichen Denkweise geprägt sind.
Aber es gibt noch mehr.

Und allein um das zu erfahren, rate ich jedem das Buch zu lesen!

Wo ist eigentlich die Grenze?

Wo ist für einen Journalisten Schluss, den Weg des Geldes zu verlassen und durch welche Mittel auch immer, auf den Weg von Moral und Sitte zu gelangen?

Folgendes Beispiel. Die Tatsachen sind nicht erfunden:

Ein Verbrechen geschieht. Alle Zeitungen berichten darüber. Überall ist der Polizeibericht in abgewandelter Form. Nur eine Zeitung macht die Ausnahme. Die vom Deutschen Presserat am häufigsten gerügte Zeitung, der ja seit langem schon ein exzellenter Blog gewidmet ist.
Diese Zeitung hat am nächsten Tag schon in ihrer gedruckten Ausgabe ein Foto des Opfers, nennt ihn bei vollem richtigen unzensierten Namen und kennt seine Wohnung in diesem Artikel so gut, dass man diesen als Wegbeschreibung und Einrichtungsrichtschnur für einen Nachbau benutzen könnte.

Dass alles geht meiner Meinung nach viel zu weit. Es kommt vermutlich wie dutzende Mal in jedem Jahr wieder zu einer Rüge des Presserats. Doch damit ist eigentlich keinem geholfen. In diesem wie in jedem anderen Fall sind die Personen die dahinter stehen noch lange Zeit Opfer der allgemeinen Sensationsgeilheit der entsprechenden Leser.

Ein Großteil der Informationen in obigem Beispiel war ergooglet. Einfach und effektiv. Jeder kann das. Finde ich auch in Ordnung. Jedoch dass in „die meistgelesene Tageszeitung Deutschlands“ zu stecken ist noch ein mal ein Unterschied.

Wenn ein „Superstar“ oder ein „Supermodel“ mal auffallen will und sich betrinkt, mit Daniel Küblböck schläft und anschließend Gurkenlaster anfährt, dann ist das zu einem gewissen Grad Absicht und soll in die Zeitung. Eine Boulevardzeitung lebt ja davon, so etwas zu berichten. Und ja. Meinetwegen sollen sie auch über alle anderen für die Leute tollen, lustigen und schicksalhaften Ereignisse schreiben.

Aber nicht in diesem Ausmaß. Nicht mit einem aktuellen Bild. Nicht mit dem Namen, über den die Familie jetzt angreifbar für Gut und Böse wird.

Nein liebe Medienwelt. So nicht.

(Zum Großteil hältst du dich ja daran. Danke.)

Das System.

April 23, 2009

Das Alter, in dem man RAF-Anhänger wird, oder einfach mal bloggt. Ich bin wohl mittendrin.
Hiermit übe ich einmal Systemkritik.
Von allen vielem Problemen picke ich mir jetzt mal zwei heraus. Nummer eins: Politik. Danach: Wirtschaft.

Seit vielen Jahren schon. Wohl zusammen mit meinen ersten Gedanken zur politischen Meinung bei der Bundestagswahl kurz nach meinem achzehnten Geburtstag. Seit vielen Jahren schon beschäftigt mich das Problem der sturheit und unwirksamkeit der Politik. Und das ist beileibe kein deutsches Problem. Es ist, als wäre das eine Stufe der Evolution von Politik. Nachdem Monarchie und Diktatur abgelegt sind, kommt die Zeit der euphorischen Demokratie und des Wandels (in dieser Phase wähnen böse Zungen jetzt Amerika). Und danach verfährt sich alles. Die Wirtschaft in Person vieler großer Konzerne verflechtet sich mithilfe von Lobbyisten und Arbeitsplatzversprechungen mit der Politik und regiert sie schließlich vollends.
Parteien stehen im Wahlkampf für ihre Prinzipien oder betreiben blanken Populismus. Gerne auch mal beides. Kaum im Kabinett, merken auch junge und Yes-we-can-motivierte Politiker hierzulande, dass der Hase anders läuft. Erstmal will der Sohn vom neuen Post-Chef einen neuen Q7 für die Vergünstigung der Briefwahlkampfzettel im Landkreis Bottrop, dann kommt auch noch ein Sprecher der Telekom und erinnert an das Stillschweigeübereinkommen mit dem Vorgänger. Das eine, dass dringend eingehalten werden müsse.
Politik betreiben war gestern. Marionetten mit großen Mäulern sind da heute. Politiker die gewählt werden sind nicht fach-kompetent, sondern Rethorik-Genies. Und ändern kann man auch nichts.
Tritt man einer Partei bei, muss man sich in die Muster drängen. Änderung unmöglich.
Macht man eine eigene Partei sind die Motivationen anfangs hoch, aber man wird sich mit eventuell steigender Macht auch wieder in das System einpressen lassen müssen. Lobbyismus kann man nicht eingrenzen solang der Wille zum Geld exisitert. Populisus lässt sich nicht eingrenzen solang man nicht die Bildung aller Leute auf ein Mindestniveau bringt. Beides ist unmöglich. Ist mir selber klar. Also lassen wir das. Jetzt hab ich mich wenigstens mal öffentlich drüber aufgeregt.

Zweitens und wichtigens: Die Wirtschaft.
Das hiesige Wirtschaftssystem ist einfach nur kacke. Und das (auch wenns mir keiner glaubt) hätte ich auch schon vor der Krise gesagt. Ganz einfach weil es so ist.
Wenn die Nachrichten uns sagen „Ho, wir haben Aufschwung! 5% Wachstum!“ oder „Bäh! Rezession! -5%“, dann ist manch einer gewillt zu denken, dass wäre die Veränderung des Bruttoinlandsprodukts oder sowas. Aber falsch Gedacht! Es ist die Veränderung der Veränderung des Bruttoinlandsprodukts.
Heißt die Kurven des Auf und Ab, die uns immer Gezeigt werden sind nur in dieser Form Sinus-Ähnlich. Wer das BIP selber anschauen würde, sieht seit Gründung der BRD eine IMMER steigende Linie. Die Steigung verändert sich. Klar. Aber die Kurve steigt. Seit es dieses System gibt ist alles auf Wachstum ausgelegt. Mehr Einnahmen, weniger Arbeitslose, höhere Erträge, mehr Konsum, niedrigere Löhne, und so weiter und so fort.
Das ist genau der Schwachsinn, den ich meine. Ein System, dessen Stabilität und Erfolg auf Wachstum setzt, ist einfach nur dumm. Dass die Welt in der wir Leben das nicht dauerhaft hergibt ist die eine Sache. Dass der Mensch dass ebenso nicht aushält die andere. Der Zusammenbruch des auf ähnlichen Prinzipien basierenden Bankensystems war schon lange prophezeit. Es gibt Filme darüber, die noch aus den 90ern sind. Nur hat die nie jemand ernstgenommen. Verschwörerisch und nahezu terroristisch seien sie. Ja man sieht es ja.

Tollerweise gibt es tatsächlich Überlegungen, wie man es besser machen kann. Und zwar inklusive sozialer Marktwirtschaft. Kein Sozialismus. Keine Planwirtschaft. Nein. Alles wie heute. Nur besser.
Wer macht mit und bildet eine Lobby dafür?

Leute, egal wer das hier eigentlich liest. Sind wohl nicht viele. Aber schaut euch mal bitte diesem Film an. Eine Stunde, die sich wirklich lohnt. Erstens für jeden einzelnen, und zweitens in der Konsequenz auch für eine in irgendeiner fernen Zukunft besseren Welt. Verbreitet den Film, macht Videoabende mit allen Freunden und zeigt es denen auch. Diskutiert darüber, veröffentlicht die Meinung. Es muss ein öffentlicher Druck entstehen. Auch wenns noch dauert, bis da etwas fruchtet.
Und gleich danach unterschreibt für die Piraten-Partei. Die einzige Partei, die sich noch sehen lassen kann in diesem schönen Flecklein Erde. (Was ist die Piraten-Partei?)

Wir bauen eine Kathedrale. Im Moment sind wir die Grundsteine. Die Fertigstellung wird keiner hier Erleben. Aber es lohnt sich. Definitiv.